Waren die Krawalle in Großbritannien vergangenen August politisch motiviert oder nicht? Dieser Frage geht der in London lebende Politik- und Kulturwissenschaftler Moritz Altenried in seinem Buch Aufstände, Rassismus und die Krise des Kapitalismus – England im Ausnahmezustand nach. Während Medien und Politiker, allen voran Premierminister David Cameron, in den Aufständen nur kriminelle Energien ausmachten, betont Altenried deren politischen Charakter. Anhand einer Analyse der vier Tage dauernden Riots ordnet er die Ereignisse in einen historischen und gesellschaftspolitischen Kontext Großbritanniens ein und eröffnet gleichzeitig einen darüber hinaus gehenden Blick auf radikal widerständige Praktiken im postpolitischen Zeitalter. Ihren Anfang nah
Kultur : Krawall und Diskurs
Moritz Altenrieds kulturtheoretische Analyse befasst sich mit dem Rassismus in der Deutung der britischen Aufstände 2011
Von
Florian Schmid
n Anfang nahmen die Ereignisse mit einer politischen Demonstration in den Abendstunden des 6. August in Tottenham. Mehrere hundert Menschen versammelten sich vor einer Polizeiwache, nachdem der 29-jährige Mark Duggan im Zuge einer Polizeikontrolle erschossen worden war. Während der Demonstration eskalierte die Lage und es folgten vier Tage dauernde Aufstände in mehreren britischen Städten. Moritz Altenried sieht hier vor allem eine Krise der Repräsentation, bei der sich jene ins Zentrum der Aufmerksamkeit katapultierten, die sonst komplett übersehen werden.Im April 2011 demonstrierten 2000 Menschen nach dem Tod eines bei einer Polizeirazzia ums Leben gekommenen Reggae-Sängers vor der Zentrale von Scotland Yard. „Es war friedlich und ruhig und wissen Sie was? Nicht ein Wort in der Presse. Und nun ein bisschen Krawall und Plündern und – schauen Sie sich um!” Dieser Satz eines jungen Mannes geht Monate später, als London die heftigsten Krawalle der Nachkriegszeit erlebt, durch die Medien. Abgesehen von den breiten Protesten gegen Margaret Thatchers „Poll Tax“ begannen fast alle großen Riots in England, nachdem ein zumeist schwarzer jugendlicher Tatverdächtiger durch die Polizei zu Tode gebracht worden war – ganz ähnliche Auslöser hatten auch die Aufstände in Frankreich und in Griechenland.Schwarze Jugendliche werden in England statistisch gesehen 26 Mal öfter als weiße von der Polizei durchsucht. Die Figur des schwarzen jugendlichen Gangkriminellen ist fest eingeschrieben in den postkolonialen britischen Diskurs. Schon in den 80er Jahren galt der „schwarze Gangjugendliche“ aus konservativer Sicht als Symptom der damaligen Wirtschaftskrise.Autoritäre WendeWährend der Riots im August 2011 griffen Medien und Politiker auf diese rassistisch konstruierte Figur zurück. Nur waren die Randalierer und Plünderer bei weitem nicht nur schwarze Jugendliche. Die Wirkmächtigkeit dieser rassistischen Vorurteile wurde in einer BBC-Talkrunde deutlich, wo TV-Moralapostel und Tudor-Experte David Starkey erklärte: „Die Weißen sind schwarz geworden.“ Auch wenn diese Behauptung Entrüstung hervorrief, so bedienten sich Premier Cameron und andere Politiker fleißig einer medizinisch-sozialhygienischen Sprache, bezeichneten Plünderer als „wilde Tiere“ und sprachen von einer „kranken Gesellschaft“, während Bürger mit Besen bewaffnet auf Demonstrationen zur symbolischen „Säuberung“ antraten. Dieser plumpe Rückgriff auf biologisch-rassistische Kategorien gepaart mit einer nie gekannten polizeilichen Repression und absurd hohen Haftstrafen – ein halbes Jahr Gefängnis für eine gestohlene Flasche Mineralwasser – ist beispiellos. Moritz Altenried konstatiert denn auch im Zuge der sogenannten „Operation Fightback“ zur Niederschlagung der Krawalle eine „erneute autoritäre Wende des Neoliberalismus“.Die massiven Plünderungen während der Ausschreitungen gelten als Hauptargument gegen eine politische Dimension der Riots. Die Markenhörigkeit der Jugendlichen wurde ebenso kritisiert wie die Zerstörung kleiner Läden in armen Vierteln. Für den Soziologen Zygmunt Baumann waren dies die Riots der ausgeschlossenen Konsumenten, die ihre gesellschaftliche Teilhabe mittels der Aneignung symbolträchtiger Markenwaren realisieren konnten. Im Lauf der vier Tage wurden allein 30 Läden der Kette JD geplündert, die unter anderem Markenkleidung aus den Bereichen „gangster chic“ und „danger wear“ als style-trächtiges Aushängeschild nutzt. Als am dritten Tag der Aufstände ein vermummter Jugendlicher in Adidas-Kleidung auf der Titelseite fast aller britischen Zeitungen war, hätte das auch aus einer aktuellen Werbekampagne stammen können. Levis zog im vergangenen Sommer dann einen Werbespot zurück, der während der Ausschreitungen beim Berliner 1. Mai gedreht worden war und Bilder gewaltsamer Proteste markengerecht in Szene setzte.Nur wie sind die englischen Riots, die ohne explizite Forderungen und Symbole auskamen und als „Aufstand der Zeichenlosen“ bezeichnet wurden, hinsichtlich der zunehmenden und sich stellenweise radikalisierenden Krisenproteste von Athen bis Oakland zu kategorisieren? Am ehesten sind sie mit den Ausschreitungen in den französischen Banlieues 2005 vergleichbar. Ein halbes Jahr nach den dortigen Krawallen gingen in den französischen Innenstädten Studenten auf die Straße und demonstrierten militant gegen das umstrittene Erstanstellungsgesetz. In Großbritannien kam es bereits im Dezember 2010 zu schweren Ausschreitungen bei Studentenprotesten, im März 2011 krachte es während der großen Demonstrationen gegen Sozialkürzungen.Die Riots im August 2011 sind keineswegs ein singuläres Ereignis. Verblüffend ist ihre Wirkmächtigkeit. Exakt eine Woche später erklärte Frank Schirrmacher in der FAS, dass die Linke ja vielleicht doch recht hätte. Diese Wendung im hiesigen konservativen Feuilleton gab es erst, nachdem bilderbuchartig vorgeführt worden war, wie die krisenbedingte soziale Implosion aussehen kann. In England dienen die Ausschreitungen der Politik aber nach wie vor als Rechtfertigung für die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen bei der Vorbereitung der olympischen Spiele.Während die Occupy-Bewegung und die spanischen „Indignados“ einen konsensfähigen Protest in die Innenstädte tragen, um friedlich mehr Demokratie für alle einzufordern, lassen sich die englischen Riots kaum vereinnahmen. Wenn die bürgerliche Empörung auch durchaus zu widerständigen Praktiken wie Platzbesetzungen führt, so verfügt die (sub)proletarische Wut, die in Tottenham, Hackney und Manchester sichtbar wurde, doch über eine deutlichere Sprache. Das widerständige Begehren, das in all diesen Protesten steckt und das auch in dem viel diskutierten Manifest Der kommende Aufstand zum Ausdruck kam, weist einen Weg aus der scheinbar so dominanten postpolitischen Ära des Spätkapitalismus. In Frankfurt gab es gerade Vernetzungstreffen eines breiten linken Spektrums, um eine „Choreographie“ der Proteste des bevorstehenden Frühlings zu entwerfen. Die Krisenproteste sind noch lange nicht vorbei, sie fangen gerade erst richtig an.