Franz Kafka, zum Beispiel. Dass der Affe Rotpeter, der in seinem Bericht für eine Akademie über seinen „Verzicht auf jeden Eigensinn“ berichtet, kaum mit dem Autor Kafka zu verwechseln ist, legt schon ein Vergleich der Physiognomien nahe. Der Hinweis auf die Differenzen zwischen Autor, Erzähler und Figur gehört zum Handgepäck des Literaturkritikers, und es ist richtig, es hervorzuklauben, wenn der ästhetische Eigensinn eines Werks so krass verkannt wird wie in der Kritik des Spiegel-Autors Georg Diez an Christian Krachts Roman Imperium. Zwar ist das Argument, es gebe halt so „viele Lesarten eines Buchs, wie es Leser gibt“, in diesem Fall eher eine schlechte Ausrede für ungenaues Lesen, aber wenn Diez in einer Replik auf seine Kriti
Kultur : Literatur und Gesinnung
Die Debatte um Christian Krachts Roman zeigt, wie schwer sich die Literaturkritik mit Haltungsfragen tut: Sind in Texten vorgetragene politische Einstellungen zu bewerten?
Von
Ralf Klausnitzer
n einer Replik auf seine Kritiker im aktuellen Spiegel eingangs von einem „Unbehagen“ spricht, dem er auf den Grund habe gehen wollen, dann klingt das legitim – auch wenn man am Ende immer noch nicht genau weiß, worin sich in Imperium nun „rechtes Denken“ spiegeln soll, sogar wenn man dieses Denken dem Autor selbst nicht zweifelsfrei absprechen kann.HaltungsprobenDie Debatte zeigt, wie schwer sich Leser und Literaturkritiker mit jenem Phänomen tun, das als „Gesinnung“ nur unzureichend umschrieben und zumeist mit platten Orientierungsangaben verbunden wird. Doch Gesinnung ist mehr als eine politische Meinung und anderes als eine Weltanschauung. Gesinnung ist jene Gesamtheit von Einstellungen, die den Menschen umgreifen und ihm Haltung verleihen. In den Simulationsräumen der Literatur spielen Gesinnungen eine zentrale, jedoch häufig übersehene Rolle. Und zwar nicht nur in Bezug auf Autoren, die grundlegende Überzeugungen immer auch ausprobieren und revidieren können. So wie etwa Thomas Mann, den die Novemberrevolution 1918 in eine tiefe Krise stürzte: Als die von ihm in den Bekenntnissen eines Unpolitischen noch massiv verteidigte Ordnung zusammenbrach, erwog er unterschiedliche Optionen, bis er schließlich die Haltung des vernünftigen Republikaners einnahm, die er dann auch angesichts der aufmarschierenden Nazis und im Exil behauptete. Welche Bedeutung dabei die Konkurrenz zu seinem Bruder Heinrich hatte, der mit dem satirischen Roman Der Untertan seit dem Herbst 1918 einen sensationellen Erfolg feierte (während sich von den Betrachtungen gerade mal 6.000 Exemplare verkauften), bleibt eine naheliegende, aber kaum beantwortbare Frage.Noch schwieriger aber sind die Probleme, die sich mit der fiktionalen Gestaltung von Gesinnungen verbinden. Im antiken Epos und im frühneuzeitlichen Königsdrama, im modernen Roman und in der novellistischen Erzählung bilden Gesinnungen einen Grund, auf dem Textfiguren stehen, sprechen, handeln – wobei Sprechen und Handeln immer auch auseinanderfallen und vermeintliche Gesinnungen sich als Ergebnis von Täuschungen erweisen können. Ob Goethes Kaufmannssohn Wilhelm Meister, der heimlich durch die Turmgesellschaft gelenkt wird, oder Thomas Manns anämischer Sanatoriumsgast Hans Castorp im Zauberberg, der sich vom Jesuiten Naphta und vom Aufklärer Settembrini unterrichtet lässt: In literarischen Werken sind Gesinnungen ebenso wie die Bemühungen um ihren Gewinn und die Varianten ihres Verlusts zuallererst Textereignisse. Sie werden durch Figuren vorgetragen und verkörpert, durch Kontrastfiguren diskutiert und aufgrund von Verhaltensweisen erschlossen. Und zwar durch Leser, die diese Gesinnungen rekonstruieren und immer auch bewerten, indem sie diese Ergebnisse von Zuschreibungen mit eigenen Einstellungen abgleichen.Schwierig wird es, wenn Gesinnungen sich nicht auf einen Punkt bringen lassen und kollidieren. So verhält es sich auch in Krachts Roman über den Nudisten und Radikal-Vegetarier August Engelhardt, der mit 1.200 Büchern und einem Wust an modernen und antimodernen Einstellungen in die Tropen aufbricht, um einen „Sonnenorden“ im Zeichen der Kokosnuss zu errichten. Und hier – wie zuvor im verhassten wilhelminischen Deutschland, das sich seinerseits auf imperiale Aktionen vorbereitet – auf andere Gesinnungstäter trifft. Nachhaltig beunruhigend ist dieser meisterhaft komponierte Clash von Gesinnungen deshalb, weil der literarische Text eben jene Einstellungen vorführt und diskutiert, die in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts wiederkehren werden. Und dabei Probleme thematisiert, die noch uns bewegen. Mit anderen Worten: Während Daniel Kehlmanns biografisch grundierter Roman über Gaußens und Humboldts Vermessung der Welt im 19. Jahrhundert wurzelt und die sozialen Folgen genialer Intuition ebenso subtil gestaltet wie das Altern des Wissens, reicht die Geschichte des regredierenden Kokosnuss-Propagandisten bis in unsere globalisierte Gegenwart hinein.ProbehandelnUnd das nicht nur wegen der Bio-Produkte und Öko-Märkte, die als Schwundstufe einstiger Hoffnungen auf eine gesunde Lebensweise jenseits industrieller Pflanzen- und Tierproduktion inzwischen ein eigenes Marktsegment bilden. Sondern weit mehr aufgrund der Fragen nach den Möglichkeiten und Konsequenzen gesellschaftlicher Veränderungen, die auf radikalen Gesinnungen beruhen. Verhandelt werden diese Probleme in einem Text, der seine inszenierenden Gesten sehr genau kennt und ausstellt.So etwa, wenn der Gouverneur des deutschen Schutzgebietes Neupommern (während der öffentlichen Bestrafung eines eingeborenen Delinquenten) Engelhardts Inselreich als Erprobung eines durchaus interessanten philosophischen Experiments lobt und zugleich den Ansturm jugendlicher Teilnahmewilliger abwehrt: Zwar sei dem Kokovoren Engelhardt mit seinen Schriften keine unmittelbare Haftbarkeit für die Handlungen seiner Leser zuzuschreiben, doch könne dieser eine „gewisse moralische Verantwortung“ („gerade im Hinblick auf deren Gesundheit“!) nicht zurückweisen. Als der Ordensgründer schließlich selbst mit den enthusiastischen Anhängern seiner Lehre zusammentrifft, die ihn mit dem Ruf „Heiland!“ begrüßen, ist er so erschüttert, dass er sie umgehend ins Deutsche Reich zurückexpedieren lässt und dafür die Kosten übernimmt.Damit aber hat der Roman selbst den Punkt benannt, auf den es ankommt: Trägt ein Autor für die Folgen seiner Schriften eine Verantwortung? Sind die in Texten vorgetragenen Gesinnungen ethisch zu bewerten? Und wer darf da richten? – Es ist simpel, sich auch in diesem Fall mit Hinweisen auf die rein ästhetischen Ansprüche von Literatur zurückzuziehen. Ohne Frage sind literarisch inszenierte Experimentalanordnungen zuerst einmal Varianten eines Probehandelns, bei dem existenzielle Erlebnisse und Überzeugungen eben nicht leibhaftig, sondern imaginativ durchlebt werden. Dennoch geschieht immer auch mehr: Teilhabe, Empathie, Identifikation, Distanzierung und kritische Auseinandersetzung. Literatur verliert einen beträchtlichen Teil ihres Wirkungspotenzials, wenn sie nur als verpflichtungsloses Spiel der Einbildungskraft aufgefasst wird.Wer sagt wasWie schwierig die Verhältnisse in diesem Feld sind, wusste der von Christian Kracht auch stilistisch nachgeahmte Autor Thomas Mann ziemlich genau. Er, der im Roman Imperium als leibhaftiger Denunziant auftritt, musste seinen Verleger Samuel Fischer 1906 per Telegramm anweisen, die bereits gesetzte Januar-Nummer der Zeitschrift Neue Rundschau einzustampfen, in der seine Novelle Wälsungenblut abgedruckt worden war. Der Grund: Der Erzähltext über die von Reichtum verweichlichte Familie Aarenhold und die inzestuösen Neigungen eines Geschwisterpaares war als antisemitischer Schlüsseltext bezeichnet worden – und der gerade in die Familie Pringsheim eingeheiratete Schriftsteller wollte seine neue komfortable Sozialheimat nicht verletzten.Insofern spielt es schon eine Rolle, wer etwas sagt und wie er es sagt. Auch wenn es in den Zeichenwelten literarischer Texte und durch Erzähler und Figuren geschieht. Vor allem, wenn die vorgeführten Figuren mit ihren Reinheitsidealen und veganen Utopien der Gegenwart auf verstörende Weise näher sind, als uns vielleicht lieb ist. Möglicherweise sind diese Verstörungen aber sogar ein Beleg für die noch immer anhaltende Wirkungsmacht literarischer Buchstabenwelten. Zeigen sie doch, dass es neben Schuldenschnittsummen und Börsendaten noch andere Kräfte gibt. Daran ändert nichts, dass sich Irritationen durch literarische Imperien kaum mit simplen Gleichungen und Gesinnungsschnüffelei begegnen lässt.