Der Germanist Walter Boehlich war Außenseiter und Intellektueller im besten Sinn: klug und belesen, in mehreren Sprachen zu Hause, unbestechlich und leidenschaftlich
Endlich kann man seine Genauigkeit genießen, seine Haltung studieren und lernen, was Kritik bedeuten kann. Der Band mit Walter Boehlichs Ausgewählten Schriften beginnt mit dem Satz: „Seinesgleichen gab es nicht noch einmal in diesem Land.“ Das stimmt leider. Unter den wenigen Ausnahmeerscheinungen in diesem Land glänzt der Kritiker durch seine profunden Kenntnisse, seine Sprache, aber auch durch Strenge. Boehlich war ein Intellektueller im besten, weitgehend aus der Mode gekommenen Sinn: klug und belesen, in mehreren Sprachen zu Hause, unbestechlich und leidenschaftlich. Zudem war er ein wundervoller Stilist.
Boehlich wurde verehrt und gefürchtet und ist doch nur wenigen bekannt, obwohl er erst 2006 gestorben ist und tiefe Spuren in der bundesrepublikanischen
ikanischen Gesellschaft hinterlassen hat: Als langjähriger Mitarbeiter des Suhrkamp-Verlags, der die Sammlung Insel und die Edition Suhrkamp erfand, als Lektor und Übersetzer, der viele Bücher ans Licht gehoben hat, als scharfzüngiger Kommentator in Literaturzeitschriften, in der Zeit und im Rundfunk.Zu seinem Ethos als Übersetzer − aus dem Spanischen, Dänischen, Norwegischen, Englischen und im fortgeschrittenen Alter auch noch aus dem Jiddischen − gehörte, dass er sich stets auch das Original vornahm, und nicht selten haarsträubende Fehler entdeckte. Desgleichen war Boehlich ein scharfer Beobachter westdeutscher (Fehl-)Entwicklungen, man sollte seine Texte in den Geschichtsunterricht einbauen, als Heimatkunde über die ge- und misslingenden Etappen auf dem Weg der Deutschen zur Demokratie.Rückenstärkung und Labsal Dabei hat er nur wenige eigene Bücher, wohl aber viele Essays und Polemiken geschrieben, hat Nachworte und Vorworte verfasst, darin die Universitäten, samt nationalistischen (oder nationalsozialistischen) Traditionen aufgespießt, die europäische und die „Windfahnenliteratur“ kommentiert, für die Lexikografie, für das Handwerk des Übersetzens und das Ethos des Kritikers Maßstäbe gesetzt, und schon 1973 gewusst, auf welchem Auge der Verfassungsschutz blind ist. Er hat sich aber auch mit der Wiedervereinigung und der Kontinuität des Antikommunismus, mit Weltliteratur und mit Martin Walsers umstrittener Rede zum Friedenspreis auseinandergesetzt.Für uns, seine Schüler, war er ein Vorbild, aber wir hatten auch Angst vor ihm, weil er keinen Fehler durchgehen ließ und ungnädig sein konnte, wenn die Recherche ungenau war. Seine Beiträge über die nazistisch verseuchte Germanistik waren Rückenstärkung und Labsal, als wir Mitte der sechziger Jahre in der Bibliothek des Germanistischen Seminars die Bücher der immer noch lehrenden treudeutschen Nazis mit Merkzetteln versahen. Wie man überhaupt von ihm vieles lernen konnte, das die Universität eben nicht lehrt, und so rührt es komisch an, wenn ein nachgeborener Kritiker staunt, dass dieser gebildete und kluge Mensch nicht an einer Universität Karriere gemacht hat.Aus dem kleinen Porträt von Klaus Reichert erfährt man ein wenig aus Boehlichs Leben. Er hat nicht gerne über sich gesprochen. Reichert nennt ihn „aggressiv und skeptisch, fragend und nachfragend, zornig und unsentimental (...) witzig und schlagfertig“.Boehlich wurde 1921 in Breslau geboren, war wegen seiner ungarischen Mutter „wehrunwürdig“ und lernte zuerst den Beruf des Automechanikers. Nach dem Krieg wurde er Assistent bei Ernst Robert Curtius, der Romanist, der ihn das Handwerk des Philologen und Historikers gründlich lehrte, danach wollte er nicht im akademischen Betrieb bleiben und wurde Lektor bei Suhrkamp, ging im Zuge des Lektorenaufstands von 1968 weg und schrieb seither als „freier Kritiker“, zuletzt vor allem für konkret und, so ist es, Titanic.Sein JudentumEs ist noch ein zweiter Band erschienen, der Walter Boehlich gewidmet ist. Er ist das Ergebnis einer Tagung zu seiner Person und seinem Werk, die Ende 2009 in Potsdam stattfand. Zeitgenossen, Kollegen, enttäuschte Rezensenten und Biografen liest man hier und erfährt, dass Boehlich in eine deutschnationale Familie geboren wurde und als Jugendlicher noch beim Stahlhelm war. Allerdings war seine Mutter − zumindest nach den Nürnberger Gesetzen − jüdisch. Was hätte Boehlich wohl dazu gesagt, dass ein junger Mensch, der über ihn promoviert (Christoph Kapp, Jahrgang 1977), „vermutet“, bei der Scheidung der Eltern hätten die Probleme des Vaters mit der Reichsschrifttumskammer „eine große Rolle“ gespielt?Dass der arische Vater sich von der jüdischen Ehefrau trennte, bedeutete ihren Abtransport. Von der Zeit, in der Boehlich nicht weiterstudieren durfte, spricht dieser Autor als „Zeit der Fremdbestimmung“. Ist das naiv oder bewußt verharmlosend? Ein anderer Beiträger, Daniel Weidner, zeigt sich „irritiert“, dass Boehlich „von unserem Verhältnis zu den Juden“ spricht und seine eigene Geschichte damit „geradezu verwischt“.Die Familie hat sicher gute Gründe gehabt, weshalb sie den Nachlass dem Moses-Mendelssohn-Zentrum übergab, Boehlich war ein Außenseiter und hat zu Lebzeiten nicht viele von den durchaus zahlreichen Preisen dieser Republik bekommen. Nur hat diese Heimat, die man dem Toten gegeben hat, die fatale Nebenwirkung, dass damit sein Judentum ins Zentrum rückt. Boehlich hat seine jüdische Mutter aus guten Gründen lange Zeit verschwiegen. Erstens hat er den zum Teil philosemitisch gewendeten Antisemitismus erkannt und zweitens wollte er, wie er schreibt, nicht unter die Glasglocke gestellt werden, die Juden einen Sonderstatus verleiht und damit aus der „deutschen“ Debatte ausklammert.Ich zitiere aus einem interessanterweise nicht in die Bibliografie aufgenommenen Text Boehlichs von 1980: „Die jüdische Überzeugung, dass jeder, der von einer jüdischen Mutter geboren ist, Jude sei, ist beinahe ebenso absurd wie die nazistische Lehre, jeder, der vier jüdische Großeltern habe, sei einer. Spätestens seit Hitler aber wird das Jude-Sein von Nichtjuden wie von Juden ungewöhnlich exzessiv ausgelegt, ohne Rücksicht auf die Religionszugehörigkeit. Das ist so oder so nichts anderes als Rassismus, und zwar ein Rassismus, der keinem die Möglichkeit zugesteht, dass er aufhöre, Jude zu sein, so, wie einer aufhören kann, Moslem oder Christ zu sein“.Die Antwort ist das Unglück der Frage: Ausgewählte Schriften, Walter Boehlich, hg. Helmut Peitsch und Helen Thein Mit einem Vorwort von Klaus Reichert, S. Fischer 2011, 703 S., 26 €Walter Boehlich: Kritikerhg. Helmut Peitsch und Helen Thein, Oldenbourg Akademie Verlag, 2011, 414 S., 69,80 €