Wer die prekäre Existenz vieler Kreativer nicht erkennen will, stellt der Kulturpolitik eine Fehldiagnose. Eine alternative Betrachtung von Kultur und Infarkt
Es juckt einem in den Fingern, den vier Autoren des Buches Der Kulturinfarkt und ihrem allgemeinen Bashing von Kultursubventionen in gleicher Münze zu antworten. Allein der sprachliche Gestus berührt unangenehm: „Kulturelle Aufrüstung“, „kulturelle Flutung“, „der Vormarsch der geförderten Kultur“, „ die Leine der kulturellen Erziehung“ – so sprechen keine Aufklärer, keine Visionäre, das ist der neoliberale Jargon von Unternehmensberatern und Haushaltspolitikern, in deren Dienst sich die vier, allesamt gut alimentierte Kulturfunktionäre und Unternehmensberater, stellen.
Dazu gehört auch ihre populistische Forderung, aus Mitteln der Hochkultur eine „Laienkultur“ zu fördern; so platt
46;rdern; so platt argumentieren selbst Kulturhasser nicht mehr. Im Kontext ihrer übrigen marktorientierten Gedanken glaubt man ihnen überdies die Emphase nicht, mit der sie Laienkultur für ihre „sozial integrative und kulturvermittelnde Funktion“ loben. Das wirkt gönnerhaft. Pius Knüsel, einer der vier Autoren und Direktor von Pro Helvetia, hätte seit Jahren die Gelegenheit gehabt, aus den üppigen Geldern seiner Kulturstiftung auch ein wenig von dieser Laienkultur zu fördern. Hat er aber nicht.Und was ist damit überhaupt gemeint? Sollen sich auch die freien Kulturproduzenten als Laien verstehen? Sind damit die hoch professionell arbeitenden freien Gruppen gemeint, die sich abseits der großen Häuser von Projekt zu Projekt hangeln, so gut wie immer unter prekären Verhältnissen produzieren und dennoch neue ästhetische Maßstäbe setzen? Ihre Existenz spielt im Therapieplan, mit dem das Quartett dem „Kulturinfarkt“ entgegentreten will, keine Rolle.Eine TheaterrettungDer Diagnose, dass die herrschende Förderlogik unbeweglich ist, viele Gelder an Projekte bindet, die künstlerisch keineswegs immer atemberaubend sind, und dadurch eine Schieflage in der Finanzierung von Kultur entstanden ist, kann man zweifellos zustimmen. Indessen reagieren die Autoren des Kulturinfarkt panisch: Um den drohenden Infarkt zu verhindern wollen sie ein paar Glieder amputieren. Dabei ist die Amputation nicht nur in der Medizin das letzte Mittel der Wahl. Weg ist weg. Welche Städte würden die empfohlenen fünf Prozent Schließungen treffen? Berlin? München? Wahrscheinlichere Opfer sind die kleineren Städte, die jetzt schon gegen Wegzug und Verödung ankämpfen.Und kann man ein Theater, das nach Meinung der Autoren nur den „Kunstbürger“ befriedigt, ernsthaft mit Bibliotheken in einen Topf werfen, die bekanntlich die größte Breitenwirkung aller kulturellen Einrichtungen erzielen? Wir reden über Gesamtausgaben für Kultur in Höhe von 9,6 Milliarden Euro – das entspricht gerade mal 1,6 Prozent der öffentlichen Haushalte. Selbst in Berlin, dessen unbestreitbar wichtigster Anziehungspunkt die Kultur ist, fließt nur rund 2,6 Prozent des städtischen Haushaltes in die Kultur. In 13 von 16 Bundesländern sind zudem die Kulturausgaben gegenüber 2001 gefallen. Kann man da glaubwürdig „kulturelle Aufrüstung und Flutung“ diagnostizieren?Aber ja, die angeblich infarktgefährdete Patientin braucht Bewegung und viel frische Luft, braucht Verflüssigung. So gängeln fünf verschiedene, rigide Tarifstrukturen die Häuser, die zwischen künstlerischem Personal, das jederzeit kündbar ist, und den unkündbaren Orchestermusikerern, Bühnentechnikern und Verwaltungsangestellten unterscheiden. Das ist nicht nur ungerecht, sondern allen künstlerischen Belangen hinderlich. Einen einheitlichen Bühnenvertrag könnte die Politik nicht ohne Krach, aber ganz ohne Amputation einleiten. Zusätzlich lastet auf den Häusern seit vielen Jahren der politische Druck, die Auslastung zu erhöhen, Einsparungen bei steigendem Effizienzdruck und steigenden Tarifen zu erzielen. Bei Ungehorsam droht Zusammenlegung.Ganz unblutigStephan Märki hat für das Nationaltheater Weimar die Zusammenlegung abgewendet, indem er – zur Überraschung der Politik und zum Missfallen des Bühnenvereins – einen Prozess von innen eingeleitet hat, der allen zunächst finanzielle Einbußen abverlangte, aber durch ein unkonventionelles Struktur- und Tarifmodell alle im Hause am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt. Schon im Jahre drei der Reform war dies, klein aber fein, möglich. Die wichtigste Erfahrung von Weimar aber ist: Alle haben gemeinsam ihr Theater gerettet. Ein wahrhaft identitätsstiftendes Unterfangen.Ganz unblutig ließe sich in Theatern und Opern einiges mehr bewegen, wenn die von der Politik eingesetzten Intendanten, die lange schon im Alter ordentlicher Pensionsansprüche sind, ihren Häusern als ‚one-dollar-men‘ dienen würden und ihre Gehälter, die schon mal die des Bundespräsidenten übersteigen, künstlerischen Projekten zur Verfügung stellten. Kulturentwicklung braucht Zeit, Pflege, Auseinandersetzung mit den Machern und Macherinnen, braucht Streit, Kraft, Forschung. Sie braucht darum ein forderndes und leidenschaftliches Gegenüber in der Politik. Eine solche Aufgabe verträgt sich nicht damit, dass Kulturpolitik immer öfter zum Lieblingsnebenjob von Ministerpräsidenten und Bürgermeistern wird; deren Zeit reicht nur, sich in der Glanzkultur ein wenig zu spiegeln, deshalb befördern sie diese auch gern (siehe Freitag von letzter Woche).Die größte Leerstelle in der Argumentation des Herzspezialisten-Quartetts zeigt sich aber dort, wo sich der kulturelle Resonanzraum seit Längerem am meisten weitet: in der freien Theater-, Tanz-, Musik-, Performance-Szene. Hier werden die Diskurse über Stadtentwicklung, über Veränderung von Schulen vorangetrieben, sie thematisieren Migration und soziale Umbrüche und stellen mit allen erdenklichen künstlerischen Mitteln die große Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?Leben und arbeitenUnd sie kämpfen um würdige Lebens- und Produktionsbedingungen, um bezahlbare Räume. Die große Gegenspielerin der Kreativität ist die chronische Existenzangst. Das sollte man den vier Autoren ins Kopfkissen sticken: Die Ausweitung der Kunst findet unter desaströsen finanziellen Bedingungen statt. „Vom Schreiben kulturpolitischer Bücher kann man nicht leben“, lässt uns Dieter Hasselbach, einer der Autoren, offenherzig wissen und trifft damit den Kern des Problems. Laut Künstlersozialkasse (KSK) liegt das Durchschnittsjahreseinkommen der bei ihr versicherten Künstler, Journalisten oder Lektoren bei 14.999 Euro, das der Künstlerinnen, Lektorinnen oder Journalistinnen bei 11.355 Euro. Ähnliche Zahlen kann man auch für die kulturwirtschaftlich Tätigen finden, die zur Hälfte unterhalb des Existenzminimums liegen.„Was wäre, wenn die Hälfte aller Theater und Museen verschwände?", fragen die Kulturinfarkt-Autoren. Ich dagegen möchte fragen, was wäre …… wenn die Politik in Deutschland erkennen würde, dass ein Hochpreisland ohne Bodenschätze es sich nicht leisten kann, auf Konzepte aus den Künsten zu verzichten. Künstlerisches wie wissenschaftliches Arbeiten laboriert an neuen Formen des Denkens, Gestaltens, Sehens? Diesem Schaffen ist das Anfangen und Aufhören so inhärent wie das Verwerfen, Korrigieren, Aufgeben, Wiederfinden. Kann man besser auf die Herausforderung der Gegenwart, die keine angestammten Plätze mehr zu vergeben hat, reagieren?… wenn die Künste nicht sämtlich aus dem Kulturetat finanziert würden, sondern die Ressortgrenzen durchlässiger wären? Durchlässiger für das bezahlte Arbeiten von Künstlern in Schulen, mit Jugendlichen, im postmigrantischen Bereich, in der Stadt und an den Verwerfungen der Gegenwart?… wenn man der Demoskopie dadurch Rechnung trüge, dass man freiwerdende Lehrerstellen in Honorarmittel für künstlerischen Unterricht von Profis (nicht von Laien!) umwandelte?… wenn man beispielsweise gemeinsam mit Krankenkassen Tanzunterricht in Schulen kofinanzierte, weil dieser ein wirksames und kostengünstiges Mittel gegen Jugend-Diabetes ist, die in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen hat und immense Kosten produziert?… wenn man begreifen würde, dass bezahlbare Räume die Basis für jede Form einer freien, kreativen Entwicklung sind?… wenn wir den Sozialstaat zeitgemäß fortschreiben würden, indem wir das bedingungslose Grundeinkommen einführen würden und damit nicht nur die kulturellen Institutionen renovierten, sondern eine breite kulturelle wie gesellschaftliche Teilhabe ermöglichten?