FREITAG: Hat Sie der vorliegende Bericht zur Asse II überrascht? MICHAEL SAILER: Er hat mich nicht sehr überrascht, weil ich als Mitglied der Entsorgungskommission in den letzten zwei Monaten auch mit der Asse befasst war. An manchen Stellen haben mich die Intensität und die Details beeindruckt, weil sie noch mal anders Auskunft über die fatale Lage geben als das allgemeine Bild.
Es hat ja schon sehr frühzeitig Warnungen gegeben. Warum wird jetzt von politischer Seite so überrascht getan? Die frühen Warnungen aus den sechziger und siebziger Jahren bewahrheiten sich heute. Man hätte die Asse grundsätzlich nicht für die Einlagerung radioaktiver Abfälle nehmen dürfen, auch nicht versuchsweise, weil ein Bergwerk dieser Art auf keinen
hsweise, weil ein Bergwerk dieser Art auf keinen Fall geeignet ist für Atommüll. Dass die Asse Probleme mit der Standfestigkeit und mit Wassereintritt hat, war unter Fachleuten weitgehend bekannt. Der Bericht des Niedersächsischen Umweltministeriums stellt nun fest, dass das Helmholtz-Zentrum deutlich gegen atomrechtliche Vorschriften verstoßen hat. Aber auch die Aufsichtsbehörde, das niedersächsische Landesbergamt (LBEG), ist offensichtlich seinen Aufsichtspflichten nicht nachgekommen und hat das Gefährdungspotenzial nicht wirklich erkannt. Es war bei der Asse immer so, dass man zwar ein schlechtes Gefühl hatte, aber lieber nicht hingeschaut hat. In der Asse wird schwach- und mittelaktiver Atommüll gelagert. Es ist aber auch von neun Kilogramm hochgiftigem Plutonium die Rede. Wie gefährlich ist dieser Müll? Ein erheblicher Teil der Abfälle kommt aus der Wiederaufarbeitung in Karlsruhe, da ist immer eine gewisse Menge Plutonium drin. Dieses Plutonium ist nicht automatisch hochaktiver Abfall, das hängt sehr stark von der Konzentration ab. Aber auch der dauernde Aufenthalt neben einem abgestellten Fass mit schwachaktiven Müll ist wegen der Strahlungsintensität verboten. Die Gefahr geht vor allem von dem Wasser aus, das in den Salzstock eintritt. Denn dadurch können die radioaktiven Stoffe entweder an die Erdoberfläche gelangen oder sie dringen in das Grundwasser ein. Man kann nicht ausschließen, dass das bei der Asse passiert. Die große Frage ist, wann. Warum lag die Verantwortung nicht von Anfang an beim Bundesamt für Strahlenschutz? Man könnte es sich einfach machen und sagen: Es gab bei Inbetriebnahme der Asse noch kein Bundesamt für Strahlenschutz, denn das wurde erst 1989 gegründet. Die richtige Antwort lautet aber wohl eher: Die Lagerung des Atommülls in der Asse wurde als Forschung deklariert, obwohl niemand jemals vorhatte, die Abfälle wieder herauszunehmen. Die Fiktion, aus der Asse ein Endlager zu machen, ist zwar 1978 zusammengebrochen, als dafür keine Genehmigung erteilt wurde. Doch als Forschungsbergwerk wurde der Betrieb weitergeführt.Muss man nicht befürchten, dass es noch mehr solcher dubiosen Forschungsstätten gibt? Die Sorgen sind grundsätzlich berechtigt, mir ist aber derzeit kein weiterer solcher Einzelfall bekannt. In der ganzen Vielfalt an Verpflichtungen auf der Betreiberseite wie auf der Aufsichtsseite, haben die zuständigen Leute nicht überblickt, an welche Richtlinien sie sich halten müssen. Denn auch im Verfahren nach Bergrecht hätte das Helmholtz-Zentrum selbstverständlich alle atomrechtlichen Vorschriften einhalten müssen. Das schafft nicht gerade Vertrauen. In der Asse wurde mit den Abfällen in einer Weise umgegangen, die von Anfang an nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprochen hat. Viele der Beteiligten sind auch genau diejenigen, die sich immer für die Endlagerung im Salz ausgesprochen haben. Die Frage des Vertrauens stellt sich da natürlich zu recht.Die Fehler, die bei der Asse gemacht worden sind, hat Sigmar Gabriel als "GAU für die Endlagerdebatte" bezeichnet. Wie kann es jetzt weitergehen auf der Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll aus Atomkraftwerken? Wir werden einen guten Endlagerstandort, der geologisch-technisch geeignet ist, finden müssen. Und wir haben auch dafür zu sorgen, dass alle damit befassten Personen und Organisationen zuverlässig und kompetent sind. Die Asse hat gezeigt, dass es sonst schief gehen kann.Was ist ein guter Endlager-Standort? Man kann heute sehr gut beschreiben, welche Anforderungen ein guter Endlagerstandort einhalten muss. Das sind Salzstöcke und dicke Tonsteinschichten, die mehrere hundert Meter tief in der Erde sind. Aber von denen kommen nur bestimmte in Frage.Ist Gorleben so einer? Gorleben wird man als Endlagerstandort genauso wie andere Salzstöcke und Tonschichten prüfen müssen. Finden derzeit noch an anderen Orten Erkundungen statt? Nein, es finden überhaupt keine Erkundungen statt. Es sind auch in den letzten 20 Jahren keine vorgenommen worden. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat lediglich vom Schreibtisch aus Studien gemacht hat, welche Salzstöcke, Tonsteinschichten und Granitformationen interessant wären. Diese Studien erfolgten ohne Erkundung vor Ort. Wie kann man in der Endlager-Debatte vorankommen? Wir brauchen einen politisch verbindlichen Fahrplan, der auch über mehrere Legislaturperioden hält: wie die Entscheidung gefällt wird, an welchem Standort die ausführliche Prüfung stattfindet. Dann müssen an dem Standort alle Details erkundet werden, die man wissen muss, um zu prüfen, ob Geologie und technische Bedingungen in Ordnung sind. Von vornherein braucht man einen offenen Dialog mit der Bevölkerung, denn viele Leute sind aufgrund der Ereignisse sehr misstrauisch, das kann man niemandem verdenken. Die Endlager-Suche steht ja unter einem enormen zeitlichen Druck. Selbst wenn man einen Standort hat, dauert es noch mal sehr lange bis zur Inbetriebnahme. Man braucht dann sicher noch 15 bis 20 Jahre bis man den ersten Abfallbehälter reinbringt. Aber momentan haben wir nicht einen einzigen Standort, der vollständig untersucht ist. Wenn wir es nicht bald schaffen, ein Endlager für hochradioaktive Abfälle zu finden, dann hinterlassen wir den nächsten Generationen eine Erbschaft, die noch viel übler ist als das, was in der Asse passiert. Dann haben wir nämlich Unmengen an radioaktiven Abfällen direkt an der Erdoberfläche, und wenn da ein Problem auftritt, ist es sofort in der Umwelt. Das Gespräch führte Connie Uschtrin Michael Sailer ist Vorsitzender der Entsorgungskommission, die den Bundesumweltminister berät. Er ist außerdem VIze-Geschäftsführer des Darmstädter Öko-Instituts. Sailer befasst sich seit fast 30 Jahren hauptberuflich mit Fragen der Reaktorsicherheit und der Entsorgung.