Die sozialen Medien haben den Umgang mit Literatur fundamental verändert. Aber die Lektüre eines gedruckten Buchs bleibt eine herrlich exklusive asoziale Tätigkeit
Ungelesen und nichts Gutes verheißend starrt der aktuelle Newsletter von GoodReads mir in fetten Lettern aus meinem E-Mail-Posteingang entgegen. Darunter lädt irgendjemand, mit dem ich irgendwie befreundet bin, mich zu LibraryThing ein. Mein Google Reader quillt über mit Feeds von Literaturblogs; gerade habe ich meinen I-Pod mit den neusten Podcast von Podularity synchronisiert.
Zu aller Letzt aber werde ich die Geräte ausschalten, zu dem eselsohrigen Buch greifen, das ein alter, befreundeter Facebook-Phobiker mir ausgeliehen hat, das Telefon lautlos stellen, die Tür schließen und lesen. So, wie ich es seit Jahr und Tag tue.
Online-Bücherclubs wie GoodReads versprechen, „Menschen über das Lesen“ zusammenzubringen, ganz wie es Sinn und Zweck
Übersetzung: Zilla Hofman
usammenzubringen, ganz wie es Sinn und Zweck von Social Networks ist: Sie bringen Menschen miteinander in Verbindung, ob nun über eine gemeinsame Leidenschaft für das Lesen, für Ponys oder das Werk der Rockband ELO aus der Phase vor 1989. Im Gegensatz zu anderen Aktivitäten aber, bei den Menschen sich online und in Echtzeit zusammenfinden – Spielen, Schreiben, Filmemachen, Designen oder Virtuelle-Schafe-aufeinander-Werfen zum Beispiel – dürfte es einer „Community“ doch ziemlich schwer fallen, die Tätigkeit des Lesens miteinander zu „teilen“ und unter Umständen auch recht unergiebig sein, wenn man nicht gerade jedes Mal bei Twitter zwitschert, wenn man eine Seite umblättert oder per Livestream überträgt, wie man sich im Sessel einkuschelt.Lesen verlangt nach der Privatheit der Offline-SphäreSelbst wenn man sich die Lektüre anhand eines flachen Kindle-2-Gerätes zu Gemüte führt, ist der eigentliche Akt des Lesens doch einer, der eher nach der Privatheit der Offline-Sphäre verlangt. Im Rahmen eines wirklich langweiligen Job bei einer Zeitarbeitsfirma habe ich einmal versucht, auf der Project-Gutenberg-Webseite Daniel Deronda am Bildschirm zu lesen und es auch tatsächlich innerhalb eines Tages geschafft – statt Freude an der Lektüre stellte sich dabei allerdings eher ein Gefühl der Betäubung ein.In Großbritannien „pimpt“ die Guinness World Records Gamers Edition jetzt gedruckte Texte cybermäßig auf, um Jugendliche, die statt in literarische lieber in virtuelle Welten eintauchen, davon zu überzeugen, dass das Lesen eine nicht minder interaktive und gesellige Tätigkeit ist, als die Netzaktivitäten, denen sie so gerne nachgehen. Wie nicht anders zu erwarten war, ist die Gestaltung des Buches lachhaft. Bücher schaffen nun mal eigene Communities und Welten, an der der Leser durch seine individuelle Geistestätigkeit teilhat.Die sozialen Medien haben fraglos unsere Art über Bücher zu reden verändert und uns auch angeregt, es überhaupt ein wenig öfter zu tun. Während es in der physischen Welt nur wenige Kontexte gibt, in denen man sich der Dekonstruktion Dowstojewski’scher Metaphern widmen kann, bietet die virtuelle Welt rund um die Uhr Gelegenheit, seinen literarischen Leidenschaften zu frönen.Ich bilde mir heute schneller und entschiedener eine MeinungMich persönlich hat das Wissen, dass ich meine Meinung zwar in nullkommanichts anderen Leuten online mitteilen kann, sie dann eventuell aber auch standhaft verteidigen muss, dazu gebracht, mir schneller und entschiedener eine Meinung über meine jeweilige Lektüre zu bilden.In gewisser Hinsicht hat sich dies positiv auf meine kritischen Fähigkeiten ausgewirkt und mir geholfen, meine Ansichten selbstbewusst zu vertreten. Ich ertappe mich aber gelegentlich auch dabei, wie ich vorschnelle, selbstgefällig witzige oder extrem barsche Urteile fälle, um Aussicht darauf zu haben, an prominenter Stelle zitiert zu werden.Die sozialen Medien haben zudem die Art und Weise verändert, wie Lektüre-Entscheidungen zustande kommen. Blogs, Foren und Netzwerke können eine hervorragende Fundgrube für alte und in Vergessenheit geratene Werke oder auch für wenig beachtete Neuerscheinungen sein. Doch selbst in Anerkennung dieser positiven Errungenschaften neige ich beim Buch stärker als bei anderen Medien wie Film oder Musik dazu, an althergebrachten Verhaltensweisen festzuhalten.Selbst im Netz greife ich vornehmlich auf Rezensionen von bezahlten Experten zurück, denen ich vertraue – und somit eben wieder auf altmodische, hierarchische Institutionen, die sich in einem Gewand aus Pixeln und Podcasts präsentieren.Der literarische Geschmack ist ein unberechenbares BiestDen Großteil der Lesetipps besorge ich mir ohnehin immer noch offline. Offline finden auch die meisten der Debatten statt, die ich über Bücher führe. Vielleicht liegt es daran, dass der literarische Geschmack so ein unberechenbares und idiosynkratisches Biest ist, dass das „Wenn-Ihnen-das-hier-gefallen-hat-gefällt-Ihnen-bestimmt-auch-das-hier“-Prinzip selten funktioniert. Vielleicht lassen sich meine Gefühle und Meinungen zu Büchern auch schlicht besser in amorphen, sprunghaften physischen Unterhaltungen zum Ausdruck bringen, als in der nackten Eindeutigkeit geschriebener Worte.Was das Lesen selbst betrifft, bin und bleibe ich insgeheim froh über die fragile Zuflucht, die es mir bietet. Dort kann ich Dinge tun, die ich nicht zu „teilen“ brauche. Ich muss keine Themen neu miteinander verknüpfen, nichts Neues schaffen und keine guten Passagen um-twittern. Der Konsum eines fertigen, in sich abgeschlossen Produktes, dessen Autor sich nicht scheut, als individueller Urheber aufzutreten und nicht im Anhang zum Kommentieren einlädt oder dazu, sich an der neuen offenen API seines Romans auszutoben, kann wirkliche Freude und wirklichen Genuss bereiten.Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ein großer Fan der sozialen Medien, arbeite sogar in diesem Bereich und halte ihre chaotische, demokratische, respektlose Kreativität und ihre Kraft zu verbinden für die größte Evolution unserer Zeit. Das Wundervolle an Büchern ist aber, dass sie in gewisser Weise jedem Einzelnen von uns ganz allein gehören und immer gehören werden.