Vor 40 Jahren kursierte in Ost-Berlin das Gerücht, daß die Rolling Stones ein Konzert auf dem Hochhaus des Berliner Springer-Verlages direkt an der Mauer spielen würden
Am Anfang stand ein Gerücht. In die Welt gesetzt vom amerikanisch kontrollierten RIAS, einer „freien Stimme der freien Welt“, der „Brutstätte der Diversion und Provokation“ gegen die DDR. Eine Beat-Band würde spielen, hieß es. Für die „arme Ostjugend“ am 7. Oktober 1969 auf dem Dach des Axel-Springer-Hauses in Westberlin, also ganz nah an der Mauer.
Vielleicht war’s die Laune eines Redakteurs, vielleicht hinterhältiges Kalkül. Die Ostjugend jedenfalls, arm aber nicht dumm, rechnete eins und eins zusammen. Gebracht wurde die Meldung in einer Gedenksendung für den Stones-Gitarristen Brian Jones, der Mitte 1969 gestorben war. Und gab’s da nicht diesen brandneuen Titel Street Fighting Man, der auch in der Se
der auch in der Sendung gespielt wurde, wo es um den armen Jungen geht, der im verschlafenen London nichts anderes tun kann, als in einer Rock’n’Roll Band zu spielen? Ja, der Ostler kann Anspielungen verstehen: Es konnte sich bei denen, die da auftreten würden, nur um die Stones handeln! Der Wunsch wurde Vater des Gedankens, das Gerücht kam in Fahrt. Auch auf SFB II und Radio Luxemburg wird es verbreitet. Es musste also wahr sein! Gerüchte sind subversiv. Sie greifen um sich wie Epidemien. Verweisen auf Konflikte und Verdrängtes. Ein Gerücht hat tausend Augen, Ohren, Münder. Es fasziniert.„sie sagn, dass es nicht stimmt, dass MICK kommt“ – der Hilfsschüler in Ulrich Plenzdorfs Theaterstück kein runter kein fern ist sich nicht sicher. Aber hingehen will er doch. Mal gucken. Wer weiß, was passiert. „ich kenn die stelle man kommt ganz dicht ran an die mauer und DRÜBEN ist das springerhaus … MICK hat sich die stelle gut ausgesucht wenn er da aufm dach steht kann ihn ganz berlin sehn.“Die Idee war nicht völlig abwegig. Die Beatles hatten im Januar auf dem Dach ihres Studiogebäudes in der Londoner Abbey Road gespielt. Warum sollten die Stones nicht so was Ähnliches in Berlin vorhaben? Die Waldbühne war zerstört seit ihrem Auftritt 1965, da könnten sie sowieso nicht hin. Und Springers Verlagshaus war gut sichtbar, höher als die umstehenden Gebäude. 1959 hatte der Verleger selbst den Grundstein gelegt, sein „Leuchtturm der Freiheit“ sollte mitten in der Frontstadt direkt an der sowjetischen Sektorengrenze stehen. Seit 1966, als das Gebäude eingeweiht wurde, stand es nun direkt an der Mauer. Die Schriftzüge auf dem Hochhausdach strahlten weit. Aber ein Stones-Konzert ausgerechnet zum 20. Jahrestag der DDR? Kein ostdeutscher Fan konnte es recht glauben. Zu schön wär das. Zu schön, um wahr zu sein.Auch Claus-Dieter Sprink, damals 15, glaubt es eigentlich nicht. „Das war total verrückt! Aber uns war klar, dort gehen wir hin.“Die Stasi hat natürlich längst von der Sache Wind bekommen. In den Akten taucht das Gerücht erstmals am 13. September 1969 auf. „Der Beschuldigte schrieb in der Straße am Schenkenbusch in Dessau auf die Asphaltdecke: Rolling-Stones-Fans, fahrt nach Ber.“ Weiter kam er nicht.Eine Ansammlung von Stones-Fans so nah an der Mauer, eine Art Gegendemonstration ausgerechnet am Republikgeburtstag – das ist ein Horrorszenario für Partei und Staat, das es unter allen Umständen zu verhindern gilt. Zu langhaarig, „hemmungslos, aufgepeitscht und ungewaschen“ sind die „dekadenten Jugendlichen“. Das ist es nicht, was man sich unter einem Treffen junger Sozialisten vorstellt. Die Stasi-Aktion Jubiläum läuft auf Hochtouren. Informanten bei der Westberliner Polizei werden abgeschöpft. Aber keiner weiß etwas von einem geplanten Stones-Konzert. Und auch entsandte Mitarbeiter, die ums Springerhaus streunen, können keine Anzeichen entdecken, dass hier der Auftritt einer Rockband vorbereitet wird. Doch das Gerücht grassiert. Flugblätter kursieren. Die Stasi fängt einen Jugendlichen ab, „der im Besitz eines Flugblatts, Größe A4, mit folgendem Inhalt ist: Wer dafür ist, der soll sich am 7. Oktober vor dem Springer-Hochhaus einfinden. Es spielen die Rolling-Stones.“ Die Zuführung erfolgt umgehend.Der Staatsfeiertag steht nun unmittelbar bevor. Blauhemden reisen nach Berlin. In der Kongresshalle am Alexanderplatz steigt der Ball der Zwanzigjährigen, veranstaltet vom Zentralrat der FDJ. Junge Leute, so alt wie ihre Republik, tanzen Foxtrott und zuckeln in einer langen Polonaise durch den Saal. Das DDR-Fernsehen überträgt.An den Berliner Bahnhöfen fängt die Transportpolizei am 7. Oktober mehr als 200 aus allen Teilen der Republik angereiste Beat-Fans ab. Die Genossen waren zuvor geschult worden, woran sie die erkennen: lange Haare, Kutten, Jeans. Die aufgegriffenen Jungen und Mädchen bekommen einen Berlin-Verweis und werden zurückgeschickt. Doch einige schlüpfen durchs Netz. Und während am Nachmittag des 7. Oktober mit dem Vorbeimarsch der FDJ an der Partei- und Staatsführung die offizielle Feier ihren lautstarken Höhepunkt erreicht, sammeln sich mehr und mehr „subversive Elemente“ um den Spittelmarkt und in der Leipziger Straße. „Ich wollte vom Alexanderplatz zum Spittelmarkt fahren“, erinnert sich Claus-Dieter Sprink, „aber schon beim Umsteigen prallte ich auf einen Kordon von FDJlern, die da im Tunnel standen und alle Jugendlichen vom Weg zur U-Bahn Richtung Spittelmarkt abhielten. Ich bin da nicht durchgekommen. Für mich fiel das Stones-Konzert an der Stelle aus. Ich bin umgedreht und wieder nach Hause gefahren.“Doch einigen Hundert gelingt es, ihr Ziel zu erreichen. Es kommt zu ersten Verhaftungen. Der U-Bahnverkehr wird eingestellt. Man versucht, die Leipziger Straße zu sperren. Gegen 17 Uhr ergeht der Befehl an die Volkspolizei, den Spittelmarkt wegen akuter Gefährdung der Staatsgrenze zu räumen. Die Polizisten setzen Schlagstöcke und Hunde ein. Ordnungsgruppen der FDJ drängen die Fans in Nebenstraßen. „Unter Hochrufen auf unsere Republik und die Partei der Arbeiterklasse waren sie bald Herr der Lage“, heißt es im Abschlussbericht der Stasi. Bis zum Abend werden 430 Jugendliche verhaftet, auf LKW geladen und „zugeführt“. Sie müssen die Nacht durch stehen, werden wiederholt verhört. Erst am Morgen werden die meisten entlassen. 82 bleiben in Haft, gegen sie wird weiter ermittelt. Zusammenrottung ist ein Straftatbestand.Auch der 15-jährige Claus-Dieter Sprink hört bald, was passiert ist. „Da bröckelte das Bild von der DDR zum ersten Mal richtig. Die war für mich von dem Moment an höchst empfindlich, ohne Selbstbewusstsein und voller Angst.“Die Situation, so schätzen es Staatssicherheit und Polizei im Nachhinein selbst ein, war ihnen entglitten. Ihre Panik verwies auf ein Problem, das sie bis zum Ende der DDR in Atem halten sollte. Die Mauer und ihre Sicherungssysteme, gegen einzelne Fluchtwillige gerichtet, würden einem Ansturm von Tausenden nicht standhalten. Noch bei der Demonstration am 4. November 1989 ängstigte dieser Gedanke die Sicherheitsorgane. Was, wenn Demonstranten vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor ziehen würden und rüber wollten?Überhaupt wirkt das Ereignis von 1969 wie ein Vorgriff auf die Geschehnisse 20 Jahre später. Ein runder Republikgeburtstag, Demonstrationen am Rande der offiziellen Feier, Polizeieinsatz, Verhaftungen, Zuführungen, Misshandlungen. Vor 40 wie vor 20 Jahren ist monatelanger stupider Jubel im Vorfeld des anstehenden Jahrestages gerade Jugendlichen maßlos auf die Nerven gegangen. Das offizielle Reden und das reale Lebensgefühl hatten keinen gemeinsamen Ton. Doch anders als 20 Jahre später war 1969 das System stabil und der Große Bruder hatte ein Jahr zuvor in Prag deutlich gemacht, wie er notfalls die Ordnung wieder herstellen würde.So blieb der DDR von jenem Tag an noch die Hälfte ihres Lebens. Der RIAS spielte weiter Street Fighting Man, und die Stones eroberten die Hirne und Herzen der Jugend. Denn was kann ein armer Junge andres tun, als in ‚ner Rock’n’Roll Band spielen. Im verschlafnen London ist kein Platz fürn Straßenkämpfer, nein.