Kürzlich heuerte der ehemalige Neonazi Udo Hempel bei der Piratenpartei an. "Freitag.de" hat mit ihm gesprochen – über seine Vergangenheit und den Umgang damit
Freitag.de: Herr Hempel, vor einigen Wochen wurde bekannt, dass Sie vor Ihrer Zeit als Mitglied der Piratenpartei in der rechtsextremen Szene aktiv waren. Wie ist das heraus gekommen?
Udo Hempel: Bereits von Anfang an wird im Forum darüber diskutiert, ob die Partei auch Menschen aufnehmen sollte, die in der Vergangenheit in rechten Organisationen Mitglied waren. Ich habe daraufhin in einem Beitrag geschrieben, dass ich früher in der Kameradschaftsszene aktiv war. Allerdings ist kurz darauf auf der internen Mailingliste eine Diskussion über mich losgebrochen. Hier habe ich angeboten, dass man sich an mich wenden soll, wenn man Fragen hat. Das ist kaum passiert. Kurz danach landete die Geschichte auf einer Webseite, die die rechte Szene beobachtet.
Die Spitze Ihres Landesverband
achtet.Die Spitze Ihres Landesverbandes hat sich hinter Sie gestellt. Wie wird Ihre Vergangenheit an der Basis aufgenommen?Sehr unterschiedlich. Einige Mitglieder haben wegen meiner Anwesenheit unsere Wahlparty verlassen, andere sind auf mich zugekommen. Auch unser Landesvorsitzender Koch hat mir seine Unterstützung erst nach einem ausführlichen Gespräch zugesagt.Sie behaupten, seit fünf Jahren aus der rechten Szene raus zu sein. Wie haben Sie den Absprung geschafft?Ganz einfach: Ich bin nicht mehr hingegangen. Ich habe eine neue Ausbildungsstelle gefunden, in einer anderen Stadt, mit anderen Leuten um mich herum. Ich habe sehr viel gearbeitet - so fing die Ablösung von der Szene an. Ich kann nicht sagen: Ab diesem Tag war ich nicht mehr dabei. Das war ein langer Prozess.Sie waren nicht nur einfaches Mitglied. Sie waren Führungskader im Jungen Nationalen Spektrum. Das JNS war die Jugendorganisation des Vereins „Die Nationalen“, in den 90ern eine Sammelstelle für Rechtsextreme. Wie sah Ihre konkrete Rolle aus?Wir sind die ganze Oder-Neiße-Grenze hoch und runter gereist und haben versucht, freie Kameradschaften zu uns rüberzuziehen. So hatten wir schnell ein paar hundert Leute zusammen. Außerdem habe ich damals noch die politische Richtung der Organisation mit vorgegeben. Ich war jede Woche in Berlin bei den „Nationalen“ und habe da mit Vertretern von anderen Kameradschaften Plakate entworfen und Veranstaltungen geplant. Das war sehr straff organisiert. Wir konnten jederzeit hundert Leute für Demonstrationen oder zum Plakate kleben auf die Straße bringen.Sie behaupten nie Rassist gewesen zu sein. Wie passt das zu Ihrer Rolle als Führungskader?Es ist falsch zu glauben, dass die Leute die sich Kameradschaften anschließen, gleich Rassisten sind. Als ich 1992 zur Szene gestoßen bin, war ich völlig unpolitisch. Damals war ich 14. Ich hatte mich mit vier Jungs zusammen geschlossen, mit denen ich zu DDR-Zeiten in einem FDJ-Jugendklub war. Um Politik ist es dabei nicht gegangen. Wir sind dann zu den „Nationalen“ gegangen und haben gefragt, ob wir nicht ihre Jugendorganisation sein dürften. Wenn man da aber einmal drin ist, kommt man schwer wieder raus. Als Rechter hat man erstmal alle gegen sich. Man ist raus aus der Gesellschaft, das schweißt zusammen. Deshalb fallen einem auf die ganzen Widersprüche in der Ideologie auch nicht auf. Erst wenn man da wieder ein Stück weit raus ist, kommt man zum Nachdenken.Das heißt da hilft auch kein Schock? Immerhin ist in Ihrer aktiven Zeit, im Jahr 1999, in Ihrem Heimatort Guben ein Mann von Rechtsextremen zu Tode gehetzt worden. Hat das bei Ihnen überhaupt kein Umdenken veranlasst?Ganz ehrlich: So was blendet man aus. Ich habe mir damals eingeredet, dass das alles nicht so gewesen sein kann. Es war auch nie ein Thema in der Szene. Es wäre falsch zu sagen, das hat man billigend in Kauf genommen, aber man hat sich auch nicht an Kameradschaftsabenden hingesetzt und darüber diskutiert. Das war einfach so.Sie saßen auch einige Monate in Untersuchungshaft. Warum?Da ging es um das Verwenden von Symbolen verfassungswidriger Organisationen. Wir hatten im JNS damals Uniformen eingeführt, mit braunen Hemden und rot-weiß-roten Armbinden mit schwarzem Quadrat und weißem Schriftzug JNS. Die sahen aus wie HJ-Uniformen, und das sollten sie ja auch. Ich bin dann aber freigesprochen worden. Das Oberlandesgericht hat gesagt: Ist schon sehr deutlich, aber noch legal. Ich hab mir gedacht: der Richter spinnt. Insgesamt saß ich sechs Monate in U-Haft.Wie kann es sein, dass all das nicht gereicht hat, um Sie von der rechten Szene wegzubringen?Man darf nicht unterschätzen, was mir die Szene für ein persönliches Hochgefühl gegeben hat. Ich hatte in gewisser Weise Macht. Wir konnten das auch zeigen. Wenn wir mit 60 Mann in Uniform durch Guben gelaufen sind, dann hat das schon Eindruck gemacht. Außerdem war die Bevölkerung damals gar nicht gegen uns. Wir hatten einen guten Leumund. Das ging so weit, dass Eltern zu uns kamen, damit wir dafür sorgen, dass ihre Kinder nicht mehr Schule schwänzen. Die Zeit im Knast hat dann meine Position in der Szene noch weiter gestärkt . Ich habe damals 300 Geburtstagskarten in die Zelle geschickt bekommen. Ein paar Jahre später stand ich im Verfassungsschutzbericht. Das ist in der Szene wie ein Ritterschlag. Ich bekam eine Anerkennung, die mir sonst überall in der Gesellschaft fehlte. Das war schon ein tolles Gefühl. Es ist schwierig sich davon zu verabschieden.Waren Sie jemals in einer rechten Partei?Nein, wo denn auch? Allerdings waren die Nationalen in den letzten Monaten auch ein Partei, da war ich natürlich Doppelmitglied. Als sie sich dann 1997 aufgelöst haben, gab es zwar den Aufruf, in die NPD einzutreten, das war für mich aber nichts. Die Partei war Ende der 90er noch anders als heute. Das war ein Altherrenverein. Und die DVU kam auch nicht in Frage. Die galt bei uns als der Lesezirkel von Dr. Frey.Ihr Fall war nicht der erste, der die Piratenpartei mit rechten Kreisen in Verbindung brachte. Sehen Sie eine Gefahr, dass die Partei unterwandert werden könnte?Ich glaube nicht, dass Unterwanderungen funktionieren. Wenn die Piratenpartei sich auf einmal ein rechtes Programm geben würde, dann gingen doch alle, die nicht rechts sind, wieder raus. Dann wäre die Partei halt eine neue NPD - und keiner würde sie wählen. Ich finde die Stärke der Piratenpartei ist, dass sie sich postideologisch aufstellt. Das sollte sie beibehalten. Sie sollte also auch Menschen wie mir eine neue politische Heimat bieten - sonst gehen die nächsten Aussteiger vielleicht lieber wieder zurück zur NPD. Die Piraten lehnen bereits im ersten Paragraphen ihrer Satzung jede menschenverachtende oder totalitäre Gesinnung ab. Durch die Forderung nach der informationellen Selbstbestimmung, der kompromisslosen Teilhabe an Bildung und dem Versuch, direkte Demokratie zu leben und vorzuleben, entziehen sie jeder extremistischen Gesinnung schon vorweg den Boden.