Die Polisarisierung setzt sich fort. Opposition wie Regierung kämpfen um die Unterstützung religiöser Iraner. Ein unblutiger Machtwechsel scheint inzwischen ausgeschlossen
Ich war eine knappe Woche im Iran und habe das Land bereits wieder verlassen, wenn Sie diese Zeilen lesen. Ich wollte mir vor Ort einen Eindruck von der politisch aufgeladenen Aschura-Saison verschaffen – ich hoffe, die Erfahrungen, die ich während dieser fünf Tage zwischen Ghom und Teheran sammeln konnte, vermitteln einen Eindruck, der über die Schlagzeilen und unscharfen Video-Clips der Mobiltelefone hinausgeht.
Die Menschen in diesem Land sind müde, die Mussawi-Wähler im Norden Teherans ebenso wie die schwarz gekleidete Gemeinde der Strenggläubigen in Ghom. Nach 30 Jahren internationaler Isolation, einer zermürbenden wirtschaftlichen Misere und permanenter politischer Konfrontation sind sie erschöpft und wütend. Die meisten verfallen Nih
Übersetzung: Holger Hutt
fallen Nihilismus und Apathie, andere haben sich radikalisiert. Die anhaltende Gewalt gibt nicht Anlass zur Hoffnung auf eine bevorstehende Revolution, sondern ruft vielmehr angstvolle Erinnerungen an den Terror wach, wie es ihn nach der Islamischen Revolution zu Beginn der achtziger Jahre gab.Schokolade und TeeIch sprach viele, die gern glauben würden, in den kommenden Monaten käme es zu einem demokratischen und unblutigen Machtwechsel. Die Eindrücke aus dem Land selbst unterscheiden sich wesentlich vom dem, was oppositionelle Blogger in London verfassen oder professionelle Journalisten als Resümee aus Twitter-Berichten anbieten. Hält die Gewalt an, für die selbstredend weder Regierung noch Opposition die Verantwortung übernehmen, steht kein Machtwechsel, sondern ein Bürgerkrieg bevor.Die vergangene Woche bot die einmalige Gelegenheit zum Sturz des Regimes. Während der ersten zehn Tage des Muharram, wie der Monat nach dem islamischen Kalender heißt, organisierten Nachbarschaftsguppen in jeder Nacht bis zu Aschura Trauermärsche. Sie bezogen sich auf das Martyrium des Imam Hussein, den Enkel des Propheten Mohammed. Von den noblen Straßen im Norden Teherans bis in den dicht besiedelten Süden versammelten sich die Menschen zu Tausenden, um die Trommeln zu schlagen, durch die Straßen zu marschieren, Trauergebete zu rezitieren und sich in symbolischen Gesten mit Ketten zu geißeln. Sie opferten Lämmer und Kühe, verteilten heiße Schokolade und Tee an die Schaulustigen, manche flirteten sogar ein wenig.Am 24. Dezember besuchte ich die Gegend rund um die Ghoba-Moschee im Norden der Hauptstadt. Oppositionsführer Mahdi Karroubi geriet hier kurz nach der Wahl vom Juni in eine heftige Auseinandersetzung mit der Polizei. Ich begab mich dorthin, um zu sehen, ob es zu einer oppositionellen Demonstration käme, doch es war wenig zu sehen. An der Außenseite der Moschee hing ein drei mal zwei Meter großes Poster Ayatollah Chomeinis. Die Fühler des staatlichen Geheimdienstes reichen bis in die Gotteshäuser hinein, so dass jede oppositionelle Aktivitäten schon im Ansatz erkannt und eingedämmt wird. Dennoch ließ sich kaum jemand in den Aschura-Ritualen stören, Hinweise auf eine Politisierung gab es kaum. Später am Abend fuhr ich in den Osten Teherans, wo ein Massenmeeting der Opposition angekündigt war. Ich wartete zwei Stunden über den angegebenen Zeitpunkt hinaus. Es tat sich nichts.Nicht die geringste SpurEinen Tag später führte mich mein Weg wieder in den Süden Teherans, wo die Straßen voll waren mit traditionellen religiösen Plakaten. Einige zeigten die Gesichter der Märtyrer des Viertels aus der Zeit des Krieges gegen den Irak zwischen 1980 und 1988. Diese Banner waren zugleich mit den Porträts der Architekten der Revolution versehen. In der gleichen Nacht schlugen sich Trauernde rund um den Schrein auf dem Tajrish-Platz bis ein Uhr früh vor die Brust. Tage vor der katastrophalen Präsidentenwahl am 12. Juni hatte ich gesehen, wie auf diesem Platz zu den Rhythmen der Aschura-Trauermärsche Unterstützer Mussawis wie Ahmadinedschads gleichermaßen ihre Slogans skandierten. In der Nacht vom 25. zum 26. Dezember aber lag nicht die geringste Spur von Politik in der Luft.Die Opposition hat weitgehend den Beistand der traditionell religiösen Iraner verloren, auf die sie im Sommer baute, um eine Massenbasis zu erlangen. Diese Kreise haben sich nicht etwa abgewandt und zu Sympathisanten Ahmadinedschads gewandelt. Sie beteiligen sich nicht mehr an öffentlichen Kundgebungen, weil die Regierung damit begonnen hat, die Rhetorik des Konflikts zwischen Hardlinern und Reformern in eine Sprache des Krieges – „Mit uns oder gegen uns!“ – zu überführen, bei dem nicht allein das Land, sondern das Schicksal des Islam selbst auf dem Spiel stehe. Ob aus Angst, politischem Kalkül oder Loyalität zum islamischen System – die religiösen Schichten sind unentschlossen, wie sie sich verhalten sollen. Die Opposition geht darauf ein, indem sie sich in religiösen Begriffen artikuliert, Reformen fordert und keine Revolution, ihre Kundgebungen an schiitischen Feiertagen abhält und sich solidarisch mit Chomeinis Visionen erklärt. Sie versucht, die gegenwärtigen Machthaber als religiöse Heuchler darzustellen. Die Strategie der Regierung hingegen besteht darin, die Demonstranten nicht zu Gegnern des Regimes zu erklären, sondern als anti-islamisches und säkulares Lager zu verurteilen. Der Opposition werden dadurch die Hände gebunden – das Regime mobilisiert auf diese Weise einen gnadenlosen Fanatismus, der in den vergangenen Monaten kaum einmal wirklich sein Haupt erhoben hat.Viele Blogger und Kommentatoren ermutigen in dieser Situation das so genannte iranische Volk mit wiederholten Prophezeiungen vom nahen Zusammenbruch des Systems. Sie entwerfen Karten, an denen die Orte der Konfrontation eingezeichnet sind, und vergleichen die Lage mit einem Boxkampf im Schwergewicht. Viele bilden sich ein, es könne eine Wiederholung der Ereignisse von 1979 geben, als Millionen religiöser Trauernder die Soldaten des Schahs zu Tränen rührten. Aber in der iranischen Gesellschaft scheiden sich die Geister längst an der Frage, was Religiosität heute überhaupt bedeutet.