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Politik : Der Geist aus der Flasche

Das Magazin "Rolling Stone" dominiert die Nachrichtenagenda mit einem explosiven Porträt des Generals McChrystal. Auch die Geschichte hinter der Geschichte klingt krass

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Es gab zunächst einmal Aufruhr um die Frage, ob McChrystal mit Michael Hastings, dem Autor des Artikels, offiziell oder vertraulich gesprochen hatte. Chefredakteur Eric Bates beeilte sich, seinen Mann zu verteidigen. Die MSNBC-Moderatoren Mika Brzezinski und Joe Scarborogh hatten in einer Talkrunde, zu der sie Bates einluden, wiederholt erklärt, wie erstaunt sie allein über die Zahl der belastenden Zitate in diesem Stück seien. Auch andere waren verblüfft.
Mika Brzezinski fragte Bates, ob McChrystal sich nicht bewusst gewesen sei, dass ihre Gespräche aufgezeichnet wurden und zur Veröffentlichung bestimmt waren. Der antwortete: „Sie wussten, dass wir mitschnitten, denn sie sagten auch eine ganze Reihe von Dingen 'off the record', die nicht in den Artikel eingeflossen sind. Wir respektieren diese Grenzen. Alle Zitate wurden in einer Situation geäußert, in der sie wussten, dass sie aufgenommen wurden.“

Im Netz blockiert

Seit die Geschichte an die Öffentlichkeit gelangte, bestimmt der Skandal sowohl die Titelseite als auch den Internetauftritt der New York Times. Der Rolling Stone veröffentlichte das Porträt zunächst nur in seiner gedruckten Ausgabe – der Durchbruch kam deshalb erst, als die Blogo- und die Twittersphäre auf ihn hinwiesen. Die politische Nachrichtenseite Politico veröffentlichte den Artikel sogar in voller Länge. Und so kam es, dass einige Stunden lang der einzige Ort im Netz, an dem man nichts über das Rolling-Stone-Sück lesen konnte, die Webseite des Rolling Stone war.

Deren Pressesprecher erklärte, seine Zeitschrift stelle generell seine Inlands-Geschichten nicht in voller Länge online, man ziehe es vor, sie nur in der Printausgabe zu veröffentlichen. Doch die Tatsache, dass im Internet eine Menge Stückwerk zu der Geschichte herumschwirrte und die Initiative von Politico zwangen die Zeitschrift zum Handeln. Wie Yahoo-Autor Michael Calderine anmerkt: „Während ein Magazin verständlicher Weise am Kiosk finanziell den Lohn für eine große, genau recherchierte Geschichte einfahren will, ist der Gedanke, solch bahnbrechenden Nachrichten für eine Printausgabe zurückzuhalten mit den Ansprüchen des Nachrichtenzyklus nicht vereinbar.“

Der Rolling Stone wusste selbstredend, dass er einen Knüller hatte und beabsichtigte durchaus, mit dem Artikel, Wind zu machen. Und so wurde ein Vorabdruck an die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) weitergeleitet.

Vom Vulkan aufgehalten

Doch AP vermasselte alles – die Agentur schrieb ein kurzes Stück darüber, dass McChrystal über den US-Botschafter Karl Eikenberry frustriert sei; die geringschätzigen Hiebe gegen den Präsidenten aber ließen sie aus. Doch Politico und Mark Halperin, Autor des Politikressorts der Zeitschrift Time, erkannten die Bedeutung und verbreiteten alle aussagekräftigen Details. Der Geist war aus der Flasche, wie Calderone bemerkte.

Wie aber war Michael Hastings an seine Geschichte gelangt? Eric Bates, der Chefredakteur, erklärte dazu, der Autor habe „wirklich beispiellosen Zugang“ zu McChrystal und dessen Stab bekommen: „Wir begleiteten ihn auf eine Reise nach Europa, die wegen des isländischen Vulkans länger als geplant ausfallen sollte. Also steckte unser Reporter gewissermaßen zwei Wochen lang mit ihm in Paris fest und reiste dann mit ihm von Paris nach Berlin. So verbrachten wir eine Menge Zeit mit ihnen und konnten so einen echten Blick hinter die Kulissen bekommen und hören, wie seine Männer, absolute Spitzenmänner, miteinander reden, wenn sie unter sich sind.“ – Hastings Artikel ist eine der besten Reportagen, die man jemals zu lesen bekam. Wie konnte der Rolling Stone im digitalen Zeitalter auch nur darüber nachdenken, eine so wichtige, die Agenda bestimmende Geschichte nur gedruckt zu veröffentlichen?

Übersetzung: Christine Käppeler


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