Berlin, Sommer 2010, Fête de la Musique im Mauerpark. Flohmarkt und viele Büdchen, eine junge Frau mit pechschwarzer Punkfrisur und Schläfenlocken offeriert „israelischen Kuchen“. Es sind gerade einmal zwei Wochen nach meiner Rückkehr aus dem israelischen Gefängnis Beerscheva, wo ich einige Tage einsaß, weil ich als Reporter auf einem jener Schiffe der „Gaza-Flotilla“ war, die von der israelischen Marine in internationalen Gewässern im Namen der „Selbstverteidigung“ aufgebracht worden waren. Ich eröffne das Gespräch, das in englischer Sprache geführt wird: „Solchen Kuchen hat es im israelischen Gefängnis nicht gegeben.“ Sie: „Im Gefängnis? Wegen etwas Bösem?“ Ich:
Politik : Der Reporter als Feind
Er will von Bord der Gaza-Flotilla berichten, doch israelische Elitesoldaten nehmen ihn fest. Die verstörende Bilanz eines eingebetteten Journalisten
Von
Mario Damolin
„Ich war auf einem Schiff der ‚Gaza-Flotilla‘, für eine deutsche Zeitung. Ist das böse?“ Sie, einen Schritt zurücktretend: „Das war eine Provokation gegen mein Land. Ich verkaufe Ihnen nichts.“ Ich: „Aber ich war beruflich dort.“ Sie: „Ich verkaufe nichts an Provokateure.“Also: ich bin ein Provokateur. Einer, der Israel provoziert hat, und der nicht zu beklagen braucht, was danach mit ihm passierte. Unterschiedslos fallen alle, die von der israelischen Marine auf offener See von bewaffneten Elitesoldaten der Einheit „Shayetet 13“ festgesetzt wurden, in die Kategorie „Provokateur“ oder „Angreifer“. Konkret sind das – neben den Passagieren und Crewmitgliedern der Schiffe, vielen Frauen, einigen Kindern – mehr als 60 Journalisten, Pressefotografen und Kameraleute aus zwei Dutzend Ländern, verteilt auf drei der sechs Schiffe. Da hilft es auch nicht, mit großen Lettern „Press“ auf die Jacke zu zeichnen und den internationalen Presseausweis immer parat zu haben. Dutzende von Camcordern, Kameras und Laptops werden von den Elitesoldaten konfisziert – und Kreditkarten, die nach der Beschlagnahme genutzt werden. Feindesgut.Die Sprachregelung vom „Provokateur“ oder „Angreifer“ zieht sich anfangs durch alle Stellungnahmen der israelischen Regierung und der Militärsprecher. Die Seeblockade bleibt indes bestehen. Und die Gaza-Landblockade lockert Israel erst dann ein wenig als immer mehr Länder und selbst der deutsche Bundestag einstimmig ihre Aufhebung fordern: Seit Dienstag dürfen die Palästinenser unter bestimmten Voraussetzungen wieder Baumaterialien zum Wiederaufbau des zerstörten Landstrichs einführen.Doch von Anfang an. Am Abend vor den tödlichen Ereignissen auf dem Schiff „Mavi Marmara“ treffen sich Mannschaft und Crew des griechisch-schwedischen Schiffes „Eleftheri Mesogeios“ auf dem Deck zu einer Besprechung. Mit mir sind ein Kollege aus Brüssel, der für Euronews unterwegs ist, und eine Kollegin einer Athener Tageszeitung. Das Schiff plus Ladung – Dachziegel, Bauteile für Fertighäuser aus Holz, elektrische Rollstühle, zwei Wasseraufbereitungsanlagen, Medikamente – ist das Resultat einer Sammlung in Schweden und Griechenland.Bestens informiertEs wird diskutiert, wie sich alle, also auch die Presseleute, zu verhalten haben, sollte das Schiff von israelischen Marines geentert werden. Man ist sich schnell einig: gewaltloser Widerstand, keine Aggressionen. In den Diskussionen werden von Einzelnen immer wieder Szenarien entwickelt, was passieren könnte. Ein Szenario sieht so aus: Sollten die Israelis ein Schiff mit 500 oder mehr gläubigen Muslimen entern, also die „Mavi Marmara“, dann wird es ein Gemetzel geben. Warum? „Das lassen die sich bestimmt nicht gefallen“ oder: „Garantiert sind da welche an Bord, die dann ausrasten.“ Dror Feiler, 58 Jahre, schwedischer Staatsbürger, aus einer jüdischen Familie kommend, geboren in Tel Aviv, drei Jahre Dienst als Fallschirmjäger bei der israelischen Armee, sagt: „Alles ist möglich, aber ich kann nicht glauben, dass die diese wahnsinnige Aktion wirklich vorhaben.“Eine Gruppe willkürlich zusammen gewürfelter Menschen ist sich ziemlich einig über mögliche Konsequenzen einer Kaperung der „Marmara“. Sind dagegen den Spezialisten aus den Planungsstäben des israelischen Militärs solche Gedanken fremd? Oder anders: Was wussten die Israelis über Besatzung und Passagiere, bevor die Aktion losging? Hierzu gibt es zwei Hinweise. Der erste ist ein Filmausschnitt eines amerikanischen Filmteams von den Geschehnissen auf der „Marmara“, der im Internet auf culturesofresistance.org zu sehen ist. Er zeigt einen Kanadier, der eine in Folie verpackte Liste in die Kamera hält. Die Liste stammt von einem israelischen Soldaten, entweder hat er sie verloren oder sie wurde ihm entwendet. Auf der Liste finden sich Fotos und Namen sowie Beschreibungen von Besatzungsmitgliedern und Passagieren der „Marmara“, die offensichtlich das Interesse der Israelis erweckt haben. Ebenso auf der „Eleftheri Mesogeios“: Der Befehlshabende der jungen israelischen Truppe, im Alter zwischen 19 und 25 Jahren, steht vor mir und hat eine ebensolche Liste in der Hand. Ich erkenne ein Foto von Evangelos Pissias mit Anmerkungen. Pissias ist Professor an der Universität Athen und Chef der griechischen Gruppe an Bord. Weiterhin sehe ich Fotos vom Kapitän des Schiffs und vom Schriftsteller Henning Mankell.Die Israelis wissen also, wie die Konstellationen auf den einzelnen Schiffen aussehen. Manche Fotos auf den Listen sind erst vor kurzem gemacht worden, etwa bei der Abfahrt der Schiffe in Istanbul oder Athen. Der Mossad wird seine Arbeit gut getan haben. Das erklärt auch die mitunter kaum verständliche Angst der Initiatoren der „Freedom Flotilla“ vor Infiltration und Sabotage. Wenn die „Voraufklärung“ der Israelis so effizient ist, dann wissen sie auch genau, was bevorsteht, sollten sie die „Marmara“ entern. Sie wissen, in welche Lage sie ihre jungen Elitesoldaten bringen.Tradition des TodesDas hat Tradition. In der israelischen Zeitung Haaretz vom 1. Juni 2010 beschreibt Amos Harel die Geschichte der in Militärkreisen immer noch als hoch effizient geltenden „Shayetet 13“: Viele unnötige Todesopfer in den eigenen Reihen, abgebrochene Operationen und während der zweiten Intifada interner Zwist. Das Resultat: sieben tote Soldaten. Die Kommandeure von „Shayetet 13“, so Harel, seien „hocherfreut über die Bereitschaft der Einheit, die schwere Last der israelischen Streitkräfte in dieser Zeit mit zu tragen“.Ist diese Mentalität die zweite, finale Provokation? In einem Interview mit dem BBC-Radio sagt der israelische Hauptmann Arye Shalicar: „Wir haben nicht erwartet, in eine solche Situation zu geraten. Wir dachten, das sei eine friedliche humanitäre Aktion“. War die „Provokation der Blockadebrecher“ also womöglich sogar im Sinne der hohen Militärs in Israel? Sollte hier eine exemplarische Lektion erteilt werden? War die ganze Aktion als Übung gedacht, eine Art „schwarze Pädagogik“?Diese und andere Widersprüche hätten von einer kritischen Presse thematisiert und aufgeklärt werden können. Doch die israelische PR-Maschine ergänzt sich prächtig mit der tendenziellen Selbstzensur deutscher Medien beim Thema Israel. In Deutschland begnügt man sich, entweder in moralisierenden oder skandalisierenden Kategorien („Blutbad“, „Narrenschiffe“, „nützliche Idioten“) zu schwelgen oder einfach die Thesen der Öffentlichkeitsarbeiter des israelischen Militärs nachzubeten. Ein Beispiel: Im Hafen Ashdod legt man uns allen, auch den Presseleuten, ein Papier vor, das wir sofort zu unterzeichnen haben, andernfalls drohe Gefängnis. In diesem Papier steht, dass wir „in Israel illegal eingereist“ seien und ausgewiesen werden wollen. Ein Papier, das kaum einer der Presseleute unterschreibt, weil es eine Lüge ist; wir sind entführt worden. In deutschen Zeitungen steht: „Der deutsche Reporter hat sich geweigert, das Land zu verlassen und wurde ins Gefängnis eingeliefert.“ Ein Text aus dem Regiebuch der Armee Israels. Recherche findet in Deutschland kaum statt, ganz im Gegensatz etwa zu Großbritannien.Keine Gewalt! – Tatsächlich?Journalisten mutieren in der Sicht der Militär-Pressespezialisten nach und nach von „nützlichen Idioten“ zu „Aktivisten“. der „Terrorist“ ist da nicht fern. Der ultranationalistische Außenminister Israels, Avigdor Lieberman, begründet genau damit („alle sind Aktivisten“), warum er die Rückgabe der Camcorder und Laptops verweigert. Im Sinne der Israelis bin ich also auch ein „Aktivist“, und die müssen vorgeführt werden. Das Militär managt das geschickt, indem immer wieder die Gewaltbilder von der „Marmara“ präsentiert werden und damit der ganze Hilfskonvoi charakterisiert wird. Die ausschließliche Fokussierung auf die „Marmara“ lässt kaum ein Wort über die Ereignisse auf anderen Schiffe zu, allenfalls dass es dort „ohne Gewalt“ abging. Tatsächlich?Zumindest von der „Eleftheri Mesogeios“ weiß ich, dass dort Verletzte zu beklagen sind: zwei mit Elektroschockpistolen aus nächster Nähe getroffene Passagiere, die einfach nur im Weg stehen, einer direkt neben mir; einer wird blutig geschlagen; einem das Bein gebrochen und die Rippen verletzt; mindestens drei werden über das Deck geschleift, weil sie sich weigern, ihre Pässe abzugeben. Ohne Gewalt? Auch auf dem griechisch-schwedischen Schiff hätte es jederzeit zu Todesopfern kommen können, wären die Menschen an Bord nicht so besonnen gewesen; hätten sie sich nicht alles bieten lassen, sich demütigen lassen, bestehlen lassen. Die Entschlossenheit der „Shayetet 13“-Einheit ist spür- und beobachtbar. Die Hand immer am Abzug stehen sie zehn Stunden Wache. Wenn ich auf die Toilette will, muss ich um Erlaubnis fragen. Auch auf der griechischen „Sfendoni“, einem Passagierschiff mit vielen Journalisten an Bord, gibt es Verletzte, ein italienischer Journalist wird sogar noch im Flughafen von Tel Aviv geschlagen. Kein Wort darüber in der westlichen Presse, nur in der Haaretz eine kleine Notiz.Angelogen und gedemütigtMit dem Krieg stirbt auch die Freiheit der Presse, und hier wird eine besondere Version dieses Satzes inszeniert. Man kidnappt einfach die ganze Pressemeute, mehr als 60 Journalisten aus aller Herren Länder, nimmt ihnen Arbeitswerkzeug und Arbeitsresultate ab und tut so, als ob es das alles nicht mehr gibt. Man steckt sie in ein Gefängnis. In den israelischen und den deutschen Medien darüber kein Wort, von einer Entschuldigung der Armee nicht zu reden. Es ist Krieg und Israels Machthaber sehen keinen Grund von diesem Weg abzuweichen. Dieses Phänomen hat der Dirigent Daniel Barenboim in einem Interview einmal als „totale Selbstbezogenheit“ bezeichnet. Für mich und viele andere, die diese Selbstbezogenheit erleben, fühlt sie sich an wie der Zynismus der Macht.Der tschechische Kameramann Jan Linek hat sich am Ende überreden lassen, jenes Papier zu unterschreiben, in dem er sich selbst bezichtigt, illegal in Israel eingereist zu sein. Der Uniformierte im Hafen von Ashdod habe ihm versprochen, dass er mit seinem Konsulat telefonieren dürfe und dass er seine Ausrüstung zurückbekäme, wenn er unterzeichne: „Dann habe ich mich entschlossen, dieses Papier zu unterschreiben. Er hat mich daraufhin ausgelacht – das Papier genommen und mich ausgelacht – und hat gesagt: Okay, es gäbe kein Telefonat, ich würde mit niemandem von meiner Landesvertretung sprechen und ich würde jetzt weggefahren.“ Linek muss – wie alle Journalisten – nur mit dem nach Hause reisen, was er gerade am Körper trägt.Wie das internationale Sekretariat von „Reporter ohne Grenzen“ in Paris bestätigt, hat bis heute kein Journalist, der die Gaza-Flotte begleitete, seine Ausrüstung zurückerhalten.