Mit Hermann Scheer verliert die SPD einen ebenso störrischen wie visionären Linken. Sein politisches Programm bleibt aktuell: eine sozial-ökologische Wende
„Querdenker“ ist eine von diesen Zuschreibungen, denen Hermann Scheer nie entkommen konnte. Und vielleicht wollte er es auch nicht. Der Wehrheimer selbst wusste am besten, dass er mehr war als nur ein „Solar-Papst“ oder „Windmacher“. Am Donnerstag ist der SPD-Politiker im Alter von 66 Jahren gestorben.
Die Lücke, die da aufreißt, ist auch deshalb so groß, weil mit Scheer eine dieser seltener werdenden Figuren von der politischen Bühne tritt, in denen sich Widersprüche auf so produktive Weise verdichten: Scheer war polternde Nervensäge und visionärer Antreiber zugleich; er gehörte der Parteilinken an und war doch einer der entschiedensten „Modernisierer“ der Sozialdemokratie. Ein Mann, den Sozialdemokrate
ldemokraten mehr als einmal verfluchten – und ihn doch zugleich so sehr brauchten. Zwar ist die SPD immer noch eine Partei mit vielen Schornsteinen, aus denen der dunkle Rauch des fossilen Industriezeitalters quillt. Dass sich aber jemand wie Sigmar Gabriel heute in Talkshows als einigermaßen glaubhafter Anwalt Erneuerbarer Energien inszenieren kann, das wäre ohne Scheer kaum denkbar.1944 im ländlichen Hochtaunus geboren, ging Scheer als Zeitsoldat zur Bundeswehr und wurde dann doch noch ein Achtundsechziger. Studentenparlament, Hochschulbund, Jusos – seit 1965 Mitglied der SPD, wurde er von Egon Bahr auf der außenpolitischen Schiene gefördert, fand seit den achtziger Jahren über die Debatte zum Atomausstieg jedoch zur Energiepolitik. Sie wurde sein Lebensthema, und mehr als viele andere verkörperte er das auch, man konnte es selbst am Telefon regelrecht spüren. Kaum jemand erklärte so gut, warum eine radikale Wende hin zu Erneuerbaren Energien wirklich möglich ist - wo doch überall davon geredet wird, über wie viele ebenso profitable wie lange Brücken der Umbau erst gehen müsse. Seine fast messianische Art in dieser Frage hat manche verschreckt und viele beunruhigt. Und doch war er damit erfolgreich. Als er einmal im Landtagswahlkampf Anfang 2008 in Nordhessen unterwegs war, warnten ihn Parteifreunde vor einem Auftritt, das Thema Windkraft komme in der Gegend nicht so gut an. Er wisse schon, antwortete Scheer, wie er es angehen müsse – und zog seine Argumente umso kompromissloser durch: Am Ende hat der Saal ihn gefeiert.Dass es seinerzeit in Hessen nichts wurde mit der Möglichkeit, auch einmal zu zeigen, dass es wirklich geht, dass man selbst in den engen Spielräumen einer Landesregierung tatsächlich etwas bewegen kann, hat Scheer getroffen – vor allem, weil der Widerstand nicht nur von Konzernen kam, sondern aus den eigenen Reihen. So weit war die SPD dann offenbar doch noch nicht, sich mit jemandem den machtpolitischen Realitäten zu stellen, der Sonne und Wind als „einzige sozialdemokratische Energiequellen, die diesen Namen verdienen“, bezeichnet hat. Vielleicht hat ihm damals mancher der einflussreichen Fürsten in der SPD auch seine bis zur Schmerzgrenze gehende Prinzipienfestigkeit nachgetragen, jene bisweilen mit Eitelkeit einhergehende Lust am Widerspruch.Es waren nicht zuletzt seine Projekte jenseits der Parteipolitik, die ihm die nötige Unabhängigkeit verschafften, die man braucht, wenn man gegen den Strom schwimmen und trotzdem vorankommen will. Parteikarriere? Die hätte ein Hermann Scheer nie abgelehnt, er hätte sich aber auch nicht dafür verbogen. Von 1993 bis 2009 saß Scheer, der mit der Malerin Irm Pontenagel verheiratet war, im SPD-Vorstand. Es gab seit Ende der achtziger Jahre aber immer noch etwas in seinem Leben, das wichtiger schien: Erneuerbare Energien. Scheer wurde Präsident von Eurosolar und General Chairman des World Council for Renewable Energy, sein Engagement 1999 mit dem Alternativen Nobelpreis belohnt. Das Time Magazine machte ihn zum "Hero for the Green Century".Politisch die großen Linien ziehen und doch im Kleinen arbeiten, das war für Scheer kein Widerspruch. Die Zusammenarbeit mit Andrea Ypsilanti, die mit einem nicht nur vergleichsweise linken, sondern auch dezidiert energiepolitischen Wahlprogramm seit langem erstmals wieder zählenswerte Erfolge für die SPD einfuhr, hat er auch nach dem Scheitern des rot-rot-grünen Versuchs in Hessen fortgesetzt. Er war Ideengeber, Mitgründer und später auch Kuratoriumssprecher im Institut Solidarische Moderne, das für sich in Anspruch nimmt, einen Politikwechsel voranzubringen – und vor allem den Schritt durchs realpolitische Nadelöhr besser vorzubereiten, damit es beim nächsten rot-rot-grünen Mal auch klappt.„Ich engagiere mich im Institut“, hat er einmal gesagt, „weil dies der richtige Rahmen für das Pflanzen einer sozial-ökologischen Perspektive ist gegen die vom sogenannten Neoliberalismus produzierte Wüste.“ Auf dem noch langen Weg durch dieses steinige Terrain wird Hermann Scheer fehlen.