Der Weg führt vorbei an hässlichen Hochhäusern inmitten von ausgedehnten Feldern, so hat man sich das vorgestellt, ein Stadtteil – verloren, verpönt. Dann kommen kleine Einfamilienhäuser, die das Bild vom Viertel der Underdogs ein wenig sanfter zeichnen. In den Gärten wehen fast trotzig ein paar Deutschlandfahnen, gegenüber, neben einem Döner-Laden, bietet der türkische Supermarkt „Emres“ seine Waren an, früher, es ist schon etwas her, war der Laden eine Aldi-Filiale. Willkommen in Hamburg-Wilhelmsburg.
Die Stadtteilschule Kirchdorf ist gelb getüncht, oben, im dritten Stock, steht die Tür zu Bodo Gieses Büro sperrangelweit offen. Das ist kein Zufall, alle sollen zu ihm können, jederzeit. Giese sitzt an s
sitzt an seinem Schreibtisch und ordnet noch schnell ein paar Akten. Er sieht aus wie einer dieser amerikanischen Road-Movie-Darsteller, rotes Gesicht, grauer Haarkranz, blau-kariertes Hemd, Jeans.Eigentlich müsste Giese einer dieser frustrierten Pauker sein, die ausgebrannt aus dem Dienst scheiden und mit einer Mischung aus Groll und Selbstmitleid auf ihre Laufbahn zurückblicken. Giese ist das genaue Gegenteil: Er strahlt einen Elan aus, einen Optimismus, wie man ihn bei Lehrern wohl eher selten erlebt. Dabei sind die Voraussetzungen an seiner Schule denkbar schlecht: Hamburg-Wilhelmsburg gilt als Problemstadtteil schlechthin, ein klassisches Arbeiterviertel, heute fest in der Hand von Migranten. Der Ausländeranteil liegt bei 40 Prozent. „Da wohnt man nicht“, sagen sie in den feinen Stadtteilen nördlich der Elbe.Träume und RealismusAuf den Fluren von Gieses Schule in Wilhelmsburg huschen Mädchen mit Kopftuch und engen Jeans vorbei, die Jungen tragen viel Gel im Haar, dazu dunkle Lederjacken. 90 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund. Insgesamt lernen hier mehr als 50 Nationen aus allen fünf Kontinenten. Viele sind in Deutschland geboren, dennoch sprechen gerade mal 22 Prozent der Fünftklässler Deutsch als Erstsprache, mehr als 55 Prozent aber Türkisch. „Klar, das ist nicht immer einfach“, sagt Giese. „Aber wir machen was daraus.“ Und weil die Frage seit einigen Monaten immer wieder gestellt wird, antwortet Giese schon im Voraus: „Thilo Sarrazin und Konsorten haben schlicht keine Ahnung.“Drei Stockwerke tiefer gibt Lidia Bauer vor einer elften Klasse Englisch-Unterricht. Bauer hat, wie die meisten ihrer Schüler, ebenfalls ausländische Wurzeln. Geboren wurde sie im polnischen Swinemünde, achtjährig kam sie zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland, studierte Russisch und Englisch auf Lehramt. „Unsere Arbeit ist wichtig“, sagt die schlanke Frau mit dem Pagenschnitt fröhlich. „Es geht darum, Schülern mit schlechteren Startbedingungen Chancen für die Zukunft zu eröffnen.“Bauers Kurs ist eine Art Sonderunterricht für jene Schüler, die erst seit ein paar Jahren in Deutschland leben. In ihren Herkunftsländern stand Englisch nicht auf dem Lehrplan, diese Lernlücke soll nun geschlossen werden. So gut es eben geht in dieser bunten Truppe aus allen Ecken der Welt: Die 17-jährige Mozgan aus Afghanistan, die 19-Jährige Simona aus Litauen, der 18-jährige Boris von der Elfenbeinküste. Es läuft ein deutsch-englischer Film über eine deutsch-türkische Liebesgeschichte. Lidia Bauer schreibt Vokabeln an eine elektronische Tafel. Manchmal kichern die Mädchen, dann geht der Unterricht weiter.Bundesrepublik: Ein "klasse Land"Die meisten Schüler aus Lidia Bauers Kurs fühlen sich wohl in der neuen Heimat. Dimitri aus Lettland will Schiffsmechaniker werden, Robert aus Polen Graphiker, Ali interessiert sich für Informatik und die blonde Donata aus Litauen träumt von einem eigenen Beauty-Salon. Und Nauid, dessen Eltern als politische Flüchtlinge aus dem Iran flohen und der mit ihnen bis vor kurzem in einem Asylbewerberheim lebte, möchte Bauingenieur werden. Deutschland, sagen sie alle, sei ein „klasse Land“, gut organisiert, jeder habe die Freiheit, etwas daraus zu machen.Schulleiter Giese bleibt trotz der ambitionierten Träume seiner Schüler Realist: Von 1.000 Schülern schaffen jährlich nur rund 20 Prozent den Sprung in die Oberstufe. Immerhin weit mehr, als jene drei Prozent, die bei ihm mit Gymnasialempfehlung ankommen. Der Pädagoge empfindet seine Arbeit dennoch nicht als Mangelverwaltung, ganz im Gegenteil: „Wir entdecken im Laufe der Jahre bei den Schülern vielfältige Kompetenzen.“ Es gebe einen klaren Trend hin zu einer höheren Zahl qualifizierter Abschlüsse, die Richtung also stimme. „Unser Erfolgsrezept ist denkbar einfach“, sagt Giese. Wir holen die Schüler da ab, wo sie stehen, dann erst sind wir in der Lage, beim Lernen Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.“Einer der zentralen Bausteine im Lehrplan ist die durchgängige Sprachförderung, die mit sozialer Betreuung kombiniert wird. An Gieses Schule kümmern sich vier Sozialpädagogen um die Schüler: Mädchen, denen zu Hause ein traditionelles Frauenbild vorgelebt wird, werden gezielt angesprochen. Das Pendant dazu heißt „Boy’s Club“, hier lernen die Jungen, dass Machogehabe nicht alles ist. Eines der wichtigsten Themen an der Schule aber ist der Rassismus, der sich hier jeden Tag aufs Neue, im Kleinen, abspielt.In der Pause spricht jeder wie er willSchüler aus türkischen Familien versuchen ihre zahlenmäßige Übermacht auszuspielen, Schüler anderer Nationalitäten sehen sich an den Rand gedrängt. Sie fühle sich oft als Außenseiterin, klagt Mozgan aus Afghanistan. Boris aus Afrika nickt zustimmend, immer wieder habe er sich Witze über seine Hautfarbe gefallen lassen müssen. Nun halte er dagegen, das zeigt Wirkung. Außerdem helfen die strikten Regeln, die überall in der Schule aushängen: Während im Unterricht Deutsch gesprochen wird, kann auf den Pausenhöfen jeder so sprechen wie er will. Mit einer Ausnahme: Kommt eine andere Nationalität hinzu, gilt Deutsch als höfliches Muss, die Nicht-Einbeziehung des Anderen dagegen als Verstoß. Doch Aushänge, Workshops und die Teilnahme an der bundesweiten Initiative „Schule ohne Rassismus“ helfen nicht immer.Im Lehrerzimmer sitzt Lidia Bauers Kollege Erwin Goßlar an einem langen Tisch, ein hagerer Mann mit Brille und flinken Augen. Der Pädagoge kommt gerade von einem Krisentreffen mit seiner Klasse, es ging um die Dominanz der türkischen Mitschüler. „Ich habe ihnen klar gesagt“, erzählt Goßlar, „dass das Rassismus ist und nicht akzeptiert wird.“ Er arbeitet seit 1986 an der Schule. Und er tut es gern – allem Spott, den die Stelle in Wilhelmsburg mit sich bringt, zum Trotz. „Ich habe selber langsam gelernt“, sagt Goßlar. „Daher habe ich Verständnis für unsere Schüler.“Das Problem des Stadtteils hält Goßlar zu einem großen Teil für hausgemacht. Die Politik habe jahrelang die falschen Akzente gesetzt und Ausländer in jene Viertel gelenkt, in denen ohnehin schon viele wohnten. So sei Wilhelmsburg zu einem Synonym für Ghettobildung geworden. „Wir federn die Folgen dieser verfehlten Politik ab“, sagt Goßlar. Aber es ist kein Groll in der Stimme. Im Gegenteil.Ganz vorn bei der InspektionGoßlar ist nicht allein: Überall im Lehrerzimmer sitzen gut gelaunte Kollegen. So bunt wie die Schülerschaft, so bunt ist das Kollegium. Die Pädagogen kommen aus Ungarn, Ghana, der Türkei. Und eben diese Buntheit will Giese nun zu einem Markenzeichen machen. Die Schule soll fortan den Namen „Nelson Mandela“ tragen.Lange und hitzig wurde darüber debattiert, nicht wenige fanden den Namen des Friedensnobelpreisträgers zu abgehoben, andere hätten sich eine türkische Persönlichkeit gewünscht. Am Ende einigte man sich auf Mandela. Der Südafrikaner, so meinen viele hier, werde die Schule wieder einen Schritt voranbringen, Identitätsbildung und Miteinander auf den Fluren und im Stadtteil fördern. So wie an den Kulturtagen der Schule, an denen die Schüler ihre Theaterstücke erst auf Deutsch und dann auf Türkisch spielen, albanische Volksmusik geboten wird und man Geschicklichkeitsspiele der Inuits ausprobieren kann.Anfang des Jahres gehörten die Wilhelmsburger bei der Schulinspektion zu den Besten unter allen 80 geprüften Lehranstalten. Schulleiter Giese schiebt stolz die Bewertung über den Tisch. „Das hier“, sagt er, „ist ein Beleg für unsere Stärke“.Von der Stadtteilschule zur DoktorarbeitEs ist Freitagabend, die kleine Aula im Dachgeschoss der Schule ist geschmückt, Salzstangen und Pappbecher stehen auf Tischchen, hinter einer provisorischen Bar schenken Jungen und Mädchen Getränke für die Gäste des Abends ein – die Ehemaligen. Birol Ünlü schreitet im Anzug von Tisch zu Tisch. Er ist in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus der Türkei. Was Birol heute mache? „Ich studiere Flugzeugbau.“ Neben ihm steht Ibrahim, dessen Eltern aus Anatolien kamen und der heute dank Wilhelmsburger Schulabschluss als Ladungssicherer im Hafen arbeitet. Ein paar Schritte weiter erzählt eine schlanke junge Frau von ihrer Erfahrung an der Schule. „Sehr interkulturell. Wo gibt es das schon in dieser Form?“ Elvin ist Kurdin, momentan schreibt sie an ihrer Doktorarbeit in Medizin. Ihr Thema: Leukozyten in menschlichen Tumoren.Mittendrin in all dem Trubel steht Schulleiter Giese und blickt in die Runde. An solchen Tagen weiß er, warum sich die Mühe lohnt. Und dass auch hier in Wilhelmsburg Erfolge möglich sind. Größere vielleicht als anderswo.