Der überstürzte Ausschluss von Openleaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg zeigt: Der Vorstand des Chaos Computer Clubs schadet dem Ansehen des Hacker-Vereins
Wer zurzeit bei den Aktivisten von Openleaks anruft, hat Glück, wenn überhaupt jemand ans Telefon geht. Nur Jan Michael Ihl, einer der neueren öffentlichen Köpfe bei der Whistleblower-Plattform, ruft schon nach wenigen Minuten zurück. "Wir haben stets alle Hacker und interessierten Programmierer aufgerufen, bei Openleaks einzubrechen. Nie aber haben wir verlauten lassen, dass der Chaos Computer Club (CCC) Openleaks prüfen soll", sagt er zu den Vorwürfen des CCC-Vorstands, Openleaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg habe den Ruf des Vereins ausbeuten wollen.
Es ist eine kleine Bombe, die CCC-Vorstand Andy Müller-Maguhn persönlich am Sonntag Vormittag laut eigener Aussage zuerst
e kleine Bombe, die CCC-Vorstand Andy Müller-Maguhn persönlich am Sonntag Vormittag laut eigener Aussage zuerst nur an die Deutsche Presseagentur und dann am Nachmittag an den IT-Journalisten Detlef Borchers schickt. "Der Vorstand des Chaos Computer Club e.V. hat Herrn Daniel Domscheit-Berg gemäß Paragraph 5 Absatz (1) der Satzung von der Mitgliedschaft im Chaos Computer Club e.V. ausgeschlossen, weil er das Ansehen des Vereins geschädigt hat", steht in der Pressemitteilung.Domscheit-Bergs Vergehen sei, dass er in der vergangenen Woche auf dem Chaos Communication Camp in Finowfurt den Eindruck erweckt habe, "die Veranstaltung des diesjährigen Chaos Communication Camp oder dessen Teilnehmer bzw. die Mitglieder des CCC hätten es Übernommen" (sic), seine Whistleblower-Plattform Openleaks einer Art Sicherheitsüberprüfung zu unterziehen.Aufrufe dieser Art, schreibt Müller-Maguhn auf Nachfrage des Freitag, haben es vermutlich auch sonst schon auf CCC-Treffen gegeben, "aber in der Regel sind die auf CCC-Veranstaltungen vorgestellten Software-Produkte Open-Source, das heißt die Sicherheit kann nicht nur überprüft, sondern auch Nachvollzogen werden. Das war hier nicht der Fall, zudem spielte die Frage nach der Verantwortung bei einer Submission-Plattform eine Rolle, die sich nicht in derselben Qualität bei anderen Software-Projekten stellt." Und so entschloss sich der CCC-Vorstand auf dem Camp zu einer abendlichen ad hoc-Sitzung und entschied, etwas zu tun, was es zuvor erst ein einziges Mal in der Geschichte des Clubs gegeben hat: eine Mitgliedschaft öffentlich zu entziehen."Unverschämte" Pressewirkung?Nun hat Domscheit-Berg in der Tat in Finowfurt (Video des Vortrags siehe hier) angekündigt, erstmals die Einreichplattform von Openleaks für einen Härtetest online zu stellen. Hoffnung auf einen Test allein durch Hacker des CCC erwähnte er dabei allerdings nicht: "Wir rufen Hacker und Benutzer allgemein - aber vor allem im Rahmen des Chaos Communication Camps - zu einem Test unseres Systems auf, natürlich auch in punkto Sicherheit", sagte er im Interview mit dem Freitag, "wir hoffen, dass wir durch diesen Stresstest ein paar Einsichten gewinnen, wie wir das System noch sicherer machen können - oder im Idealfall die Rückmeldung bekommen: Openleaks ist so sicher, dass es selbst nach fünf Tagen Dauerbeschuss noch seine Dokumente bewahrt." Nach einigen Verzögerungen folgten der Ankündigung dann Taten - und die Einreichplattform von Openleaks ging online (noch bis 16.08.2011 über diesem Link zu erreichen).Schon die Ankündigung auf dem Camp, Openleaks einem öffentlichen Härtetest auszusetzen, sei "unverschämt" gewesen, sagte Andy Müller-Maguhn dem Spiegel. Schließlich sei der CCC kein TÜV. Dem Freitag schrieb Müller-Maguhn auf Nachfrage: "Er hat ja den 'Test' als solchen in seinem Beitrag angekündigt und die Pressewirkung zumindest billigend in Kauf genommen. Es gab mehrere Veröffentlichungen, die das dann so interpretiert haben. Ich streite hier nicht um Formulierungen, sondern um das Verhalten."Allerdings wird auch das Verhalten des CCC-Vorstands innerhalb des Clubs heftig kritisiert. So zum Beispiel, dass Daniel Domscheit-Berg vor seiner Exkommunizierung nicht offiziell angehört worden ist. Das schreibt die Satzung des CCC zwar anders als die der katholischen Kirche nicht ausdrücklich vor, doch wenn "man sich schon zu so einem Schritt entschließt (und schon das halte ich für einen Fehler), hätte man zumindest Daniel Gelegenheit geben müssen, von sich aus die Mitgliedschaft niederzulegen. So zivilisiert sind wir ja wohl!", fordert etwa das prominente CCC-Mitglied Felix von Leitner in seinem Blog.Aufstand gegen CCC-VorstandKein einziger der normalerweise sehr offenen Sprecher des Clubs will sich zu dem Thema öffentlich äußern. "Es gibt derzeit keine offizielle Stellungnahme des CCC zum Ausschluss von Daniel Domscheit-Berg und Openleaks. Keiner der CCC-Sprecher antwortet im Moment auf Fragen zu diesen Themen, weil die interne Debatte über den Entschluss des Vorstands noch läuft", sagt etwa Constanze Kurz. Lediglich Frank Rieger wird in einem Kommentar auf netzpolitik.org deutlicher: "'Dieser Rausschmiss jedoch ist verfrüht, unangemessen und zutiefst emotional statt wohlüberlegt rational.' trifft meine persönliche Meinung präzise." Auch Andy Müller-Maguhn bestätigt dem Freitag per Mail: Die CCC-Sprecher sagen nichts, weil "sie den Beschluss persönlich nicht mittragen und kommunizieren wollen."Zumindest widersprüchlich erscheint jedenfalls Müller-Maguhn Aussage, der CCC wolle in Sachen Openleaks nicht als Prüfinstanz agieren. Schließlich gibt der offizielle Vorstandsbeschluss in dieser Hinsicht ein wenig vieldeutiges Votum ab: "Tatsächlich ist Openleaks für den CCC intransparent, der CCC kann gerade nicht beurteilen, ob potentielle Whistleblower, die sich Openleaks anvertrauen, nachhaltig geschützt werden können und geschützt werden."Was die Person des Openleaks-Gründers angeht, macht Müller-Maguhn wiederum Aussagen, die noch weit über die eines technischen Prüfers hinausgehen: Er sei zur Einschätzung gekommen, das Domscheit-Berg "sehr flexibel mit den Fakten umgeht und für mich nicht vertrauenswürdig ist". So habe der beispielsweise im Freitag behauptet, Openleaks habe keinen Zugriff auf den Klartext von Einreichungen, die die ehemaligen Wikileaks-Aktivisten bei ihrem Weggang von Wikileaks mitgenommen hätten. "Persönliche Aussagen" ihm gegenüber, hätten Müller-Maguhn allerdings vom Gegenteil überzeugt. Außerdem benenne Domscheit-Berg immer wieder neue Argumente, warum er die Daten nicht herausgebe. Müller-Maguhn hat in den vergangenen Monaten versucht, zwischen Assange und Domscheit-Berg zu vermitteln. Die Weigerung, die Daten herauszugeben, habe aber "mit dem Ausschluss nicht direkt etwas zu tun", versichert Müller-Maguhn.