Sie war nicht nur die erste Ausländerbeauftragte Deutschlands, sondern auch die dienstälteste. Nun ist Barbara John die Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der Nazimorde
Barbara John erinnert sich gern an die kleinen Erfolgsgeschichten. Wie jene aus dem Herbst 2009. Damals kam ein etwa 40-jähriger türkischstämmiger Mann in einem Restaurant auf sie zu und bedankte sich überschwenglich: „Frau John, Sie haben mir seinerzeit geholfen.“ 1986 hatte sich die damalige Berliner Ausländerbeauftragte für ihn eingesetzt, damit er seine Ausbildung beenden konnte. 23 Jahre später wurde er zum innovativsten Unternehmer des Jahres gekürt. 25 Mitarbeiter beschäftigt der Mann.
Die kleine eigene Firma, der Gemüseladen, der Friseursalon, die Dönerbude – für John ist die Selbstständigkeit „die klassische Aufstiegsmöglichkeit für Ausländer“. Und deshalb ist es wohl auch
wohl auch besonders schockierend, dass ausgerechnet dieses Erfolgsmodell nun zur Zielscheibe rassistischer Serienmörder wurde. Ausnahmslos gut integrierte kleine Gewerbetreibende nahm der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund ins Visier – in Blumen-, Obst- und Gemüseläden, einer Änderungsschneiderei, zwei Imbissen, einem Kiosk, einem Schlüsseldienst. Zehn Jahre lang konnten drei Neonazis morden, ohne dass die Ermittler eingriffen. Wie konnte das geschehen? Dieser Frage muss sich John nun stellen: Seit kurzem betreut sie als Ombudsfrau der Bundesregierung die Opfer und Hinterbliebenen der Neonazimorde.Beiname "Abla"Seit dem 3. Januar versucht die bald 74 Jahre alte CDU-Politikerin, mit den Familien der Opfer ins Gespräch zu kommen. Was alles auf sie zukommt, kann sie nur grob skizzieren: 60 Menschen gehören zum Kreis der Hinterbliebenen. Es wird um Entschädigung gehen, um Aufklärung und Aufarbeitung. Aber genauso um alltägliche Belange, die nur mittelbar mit den Morden zu tun haben, etwa um die Suche nach neuer Arbeit, einer neuen Wohnung oder um Fragen zum Aufenthaltsstatus.Damit kennt sich John bestens aus – vermutlich besser als jede andere. Als Ausländerbeauftragte von Berlin war sie nicht nur die erste, sondern auch die dienstälteste der Republik. Richard von Weizsäcker, damals noch Regierender Bürgermeister von West-Berlin, rief sie 1981 ins Amt. Bis sie unter Weizsäckers Nach-Nach-Nachfolger Klaus Wowereit 2003 aus dem Amt schied, hatte sie sich den Beinamen „Abla“ verdient – die „Große Schwester“ der türkischen Gemeinde in Berlin. „Von einer Amtsperson kann man sich leicht trennen,“ sagte Ahmet Külahci von der Zeitung Hürryet damals in einer Laudatio. „Von einer Schwester nicht.“Geboren wurde Barbara John am 18. Januar 1938 in Berlin. Ihre Eltern waren in den zwanziger Jahren aus der Nähe von Breslau in die Stadt gezogen. Hier eröffneten sie eine „Kerzenklitsche“, wie John sagt – einen kleinen Familienbetrieb mit zwei Angestellten. Als sie nach ihrer Studienzeit aus London zurück an die Spree kam, trat die gläubige Katholikin in den siebziger Jahren der CDU bei. Ihre Eltern waren als überzeugte Gegner des Dritten Reichs Mitbegründer der Union, hatten jedoch keine besondere Rolle eingenommen.In Berlin-Kreuzberg, wo sie aufgewachsen war, wurde John Bezirksverordnete. Parallel unterrichtete sie an der Freien Universität Deutsch als Zweitsprache. Später lernte sie selbst Türkisch. Als West-Berlin Anfang der achtziger Jahre eine Migrationswelle erlebte, suchte von Weizsäcker jemanden, der sich um die Belange der Einwanderer kümmern sollte. John schien wie für das Amt geschaffen.John sucht den unmittelbaren Kontakt„Ohne den unmittelbaren Kontakt zu den Einwandererfamilien, hätte ich die Tätigkeit nicht ausüben wollen“, erinnert sich John. Die damaligen Ausländergesetze zielten vor allem auf eins: „Wie wird man diese Leute am besten wieder los.“ John wollte die Sache dagegen anders angehen und gründete eine zentrale Anlaufstelle für die Zuwanderer. „Die war zu Beginn nicht vorgesehen.“ Doch das wollte die engagierte CDU-Politikerin, die mitunter in der eigenen Partei aneckte, nicht auf sich sitzen lassen. „Wenn diese Menschen nicht zu mir kommen können,“ mahnte John ihre Kollegen im Abgeordnetenhaus, „dann braucht ihr diese Stelle gar nicht aufzubauen.“Heute sucht John den unmittelbaren Kontakt zu den Opfern und Hinterbliebenen der Neonazimorde. Eine schwierige Aufgabe. Denn die Anschläge hätten vielleicht verhindert werden können. Das legt zumindest ein vertrauliches Dokument nahe, aus dem der Spiegel zitierte. Demnach gab es vor dem Untertauchen der drei Neonazis Hinweise darauf, dass die Zelle Anschläge plante – noch während Ermittler das Trio im Visier hatten. Im entscheidenden Moment griffen die Beamten aber nicht zu.Als Ombudsfrau versucht John, sich in die Situation der Angehörigen zu versetzen. „Wie gewinne ich das Vertrauen in die Gesellschaft und das politische System zurück, das mir dieses Leid angetan hat?“ Auch, wenn der Staat nicht unmittelbar schuld an den Verbrechen sei, habe er mit seinem Versagen doch zugelassen, dass es zu einer solchen Mordserie kommen konnte. „Spätestens nach dem zweiten oder dritten Verbrechen hätte man doch ahnen müssen, dass diese Morde eben nicht mit den reflexartigen Verdächtigungen erklärt werden können“, kritisiert sie die Ermittlungen.Verdächtigt wurde als erstes das Umfeld der Opfer. Die Rede war von Mafia und Blutrache. Fremdenhass als Tatmotiv? Für John lag der Blick in die rechtsradikale Szene auf der Hand, der aber „einfach nicht erfolgt“ sei. Wegen der „Unterstellungen haben die Familien nicht nur einen Angehörigen verloren“, klagt John. „Ihre Ehre wurde verletzt, ihr guter Ruf in Frage gestellt.“ Als Ombudsfrau muss sie nun vermitteln, zwischen dem Staat und den Opferfamilien. „Diejenigen, die so schwach ermittelt haben, müssen auch dafür geradestehen“, sagt John. Nur so sei „ein Stück Gerechtigkeit für die Hinterbliebenen wieder herzustellen.“