Im Londoner Stadtteil Newham müssen Menschen in Gartenhäusern, Garagen, Schuppen, Hütten oder sonstigen Anbauten leben, weil sie eine andere Bleibe nicht bezahlen können
Obwohl an Marias Eingangstür die Hausnummer 48 und ein Briefkasten angebracht sind, kann ihr der Briefträger keine Post zustellen. Die Wohnung der Pflegehelferin im Londoner Stadtteil Newham besteht aus einer Hütte im Hinterhof eines schäbigen Vorderhauses und ist nur über dieses Gebäude zu erreichen. Dort fehlt jeder Hinweis auf die Mieterin.
Trotzdem gefällt es Maria, einen eigenen Eingang zu haben und ungestört zu sein. Die Hütte sei immer noch besser als das überfüllte Wohnhaus, aus dem sie gerade ausgezogen ist. In dieser Mietskaserne lebten Familien, die Küchen, Bäder und Toiletten gemeinsam nutzen mussten. Jetzt hat Maria Strom und eine kleine Küche, durch die man in ein Badezimmer gelangt, allerdings ohne heiß
Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman
e heißes Wasser. Will sie baden, muss sie zwei große Bottiche auf dem Herd erhitzen. Maria schläft auf einer Matratze am Boden und hat nur eine schwache Elektroheizung. Als Mitarbeiter der Bauaufsicht von Newham an ihre Tür klopfen, sitzt sie in eine Decke gehüllt in der Küche.Maria zahlt ihrem Vermieter 350 Pfund im Monat. Mehr kann sie sich wegen ihres geringen Gehalts nicht leisten. Die Leute von der Stadtverwaltung fragen sie, ob sie die Miete für angemessen halte. Sie lacht: Eher nicht, besonders wenn man an den gestörten Mann aus dem Vorderhaus denke, der regelmäßig sein Geschäft im ohnehin mit Unrat übersäten Garten verrichte. „Wir haben keine Ahnung, wohin der Abfluss ihrer Toilette führt“, sagt Christine Lyons von der Newhamer Bauaufsicht. Derartige Hütten seien zwar illegal, hätten sich aber auf dem Londoner Wohnungsmarkt etabliert.Steigende Mieten im Zentrum drängen die Leute in die Außenbezirke, wodurch wiederum in Newham, das auf der Liste der verwahrlosten Viertel in England an zweiter Stelle steht, die Mieten in die Höhe schnellen. Manche Vermieter unterteilen Einfamilienhäuser in kleinste Einheiten und schließen Garagen aufs Geratewohl an die sanitären Anlagen und die Stromleitungen der Hauptgebäude an. Newhams Bürgermeister Sir Robin Wales ist entsetzt: „Wir haben einen begehbaren Kühlschrank gefunden, in dem Leute wohnten und dafür bezahlten. Absolut jeden Rekord hat ein Gartenhaus gebrochen, in dem 38 Menschen ein Domizil hatten, darunter 16 Kinder.“ Wales meint, es komme einiges zusammen, wenn Leute die unattraktivsten Angebote annehmen müssten.Verschlimmert wird die Lage durch den Mangel an Sozialwohnungen. Außerdem müssen immer mehr Familien wegen neuer Obergrenzen beim Wohngeld kostengünstigere Unterkünfte finden. Neue Kriterien für den Anspruch auf diese Leistung zwingen Mieter unter 35, sich notfalls Wohnraum zu teilen.Jedes Fleckchen Boden„Wenn wir nichts unternehmen, werden wir zu einem riesigen, überfüllten Ghetto“, sagt Bürgermeister Wales. Daher habe man sich entschieden, für 17,5 Millionen Pfund im Jahr eine Task Force einzurichten, die sich der unhaltbaren Zustände annehme. „Diese Mitarbeiter inspizieren den gesamten Stadtteil und registrieren Schuppen und Hütten, die bewohnt zu sein scheinen. Der Bezirk hat zudem eine Luftüberwachung in Auftrag gegeben, um durch Wärmebildkameras festzustellen, welche nicht zugelassenen Objekte vermietet worden sind.“ Am 30. April hat Wohnungsbauminister Grant Shapps angekündigt, die Regierung plane auch eine landesweite Beds-in-Sheds-Task-Force, um Tausende illegal vermietete Schuppen zu identifizieren.Christine Lyons und Ryan Ward von der lokalen Task Force laufen kreuz und quer durch Newham und überprüfen Häuser, in deren Höfen sie illegal erbaute und vergebene Unterkünfte vermuten. Erste Station heute ist eine große Edwardianische Doppelhaushälfte. Während die Beamten darauf warten, dass jemand die Tür öffnet, untersuchen sie alte Kleidung und schmutzige Schlafsäcke, die im Vorgarten herumliegen. Dann taucht ein Mann auf, ein Student aus Bangladesch, wie sich herausstellt, der noch im Schlafanzug steckt.Ganz unbekümmert zeigt er, in welchem Zustand der Vermieter das Haus belässt, und führt Lyons und Ward in sein Zimmer im Erdgeschoss. Darin ist jedes Fleckchen Boden, das nicht das Doppelbett in Anspruch nimmt, mit Matratzen belegt. Hier könnten vier oder fünf Personen schlafen. Das sei nicht der Fall, beteuert der Student, es hätten lediglich ein paar Freunde übernachtet. Wie ihm das Gegenteil beweisen?.Auf dem Doppelbett schlafen noch zwei Männer. Einer wacht auf und lacht beim Anblick der Leute vom Bauamt. Der andere schläft sanft schnarchend weiter. Über der Zimmertür hängen an einem großen Rechteck aus gelbem Klebeband tote Kakerlaken, die hier ebenfalls zu den Mitbewohnern zählen.Der junge Mann aus Bangladesch erzählt, er studiere an der London School of Commerce und teile sich die 400 Pfund Miete mit einem Freund. Er sei seit 2010 in der Stadt und habe sich einigermaßen an die Londoner Mieten gewöhnt: „Das hier ist ein guter Preis. Es gibt Strom und Internet.“ In seiner Freizeit arbeite er als Kellner, um Geld für die Miete zu verdienen. Der Rest komme von den Eltern aus Bangladesch.Gott segne unser HeimWährenddessen tauchen aus anderen Zimmern weitere Bewohner auf. Niemand kann genau sagen, wie viele Personen hier wohnen – es müssten aber, rechnet Ryan Ward, um die 15 sein. Sie leben auf drei Etagen und mit nur zwei Badezimmern, sie haben eine einzige Küche mit vier riesigen Kühlschränken, ein Tisch lässt sich nicht entdecken. In einem voll gestellten Zimmer im hinteren Teil des Hauses sitzt eine junge Mutter mit ihrem drei Monate alten Baby. Ihr Mann sei arbeiten. Sie spricht kaum Englisch, schafft es aber zu erklären, dass sie aus Pakistan stamme und dank eines Studentenvisums bleiben dürfe. Die Anzahl der Betten lässt darauf schließen, dass hier noch ein dritter Erwachsener wohnt.Die Beamten blicken über einen Zaun hinweg auf weitere Hütten, die in den benachbarten Gärten errichtet wurden, und suchen nach Anzeichen von Bewohnern – nach Dunstabzugshauben, Satellitenschüsseln oder Wäscheleinen. Sie sehen keine Gartenschuppen, sondern professionell gebaute Betonbauten, oftmals mit Dusche oder Kochnische. Über einer Tür hängt ein Schild, auf dem steht: „Gott segne unser Heim“. Christine Lyons ist besorgt wegen der Sicherheit und der Gesundheitsvorschriften. „Diese Häuser haben nicht die Lizenz, die nötig ist, damit mehr als sechs nicht miteinander verwandte Menschen darin wohnen dürfen. Es gibt keine Anlage, um Feueralarm auszulösen. Nur eine Frage der Zeit, bis jemand ums Leben kommt.“ Zuweilen sei sie schockiert über das, was sie in solchen Wohngegenden vorfinde. „Schwer zu glauben, dass man sich nicht in einem Dritte-Welt-Land aufhält.“Lyons Task Force leistet eine zähe und frustrierende Arbeit. Immer wieder sind die Mieter nicht anzutreffen (oder tun zumindest so). Auch die Vermieter sind in der Regel wenig entgegenkommend und erzählen Unglaubwürdiges. Die Hütten seien als Sporträume oder Luxus-Lauben gedacht, drinnen wohne niemand, behaupten sie, obwohl durch die Fenster Matratzen zu sehen sind. Wird Christine Lyons der Zutritt verwehrt, muss sie Vollzugsbeamte anfordern. Meist werden die Unterkünfte informell über handgeschriebene Anzeigen vermietet, die in den Fenstern kleiner Läden stecken. „Gemeinsames Wohnen für männliche Mieter, 175 Pfund monatlich“ ist dann zu lesen oder: „Männlicher Mitbewohner gesucht für Zimmer mit zwei Betten.“Später will Lyons noch eine Garage inspizieren, die als illegal umgebauter Wohnraum gemeldet wurde. Niemand öffnet. Als sie jedoch durch einen Spalt am Tor zum Grundstück späht, ist zu erkennen, dass in eine Mauer der Garage ein Fenster und eine frisch gestrichene weiße Tür eingebaut wurden. Sie sieht eine Satellitenschüssel, neben dem Eingang einen Mülleimer und Töpfe mit Narzissen. „Bei solchen Objekten stellt sich sofort die Frage“, meint Lyons, „gibt es einen Anschluss an das Wassernetz? Werden Trinkwasser und Abwasser getrennt? Sind die Stromanschlüsse illegal und damit gefährlich?“ Wegen der gekürzten Wohngeldzuschüsse würden immer mehr Wohnungen von den Vermietern aufgeteilt, um eine maximale Miete rauszuholen. „Das gab es schon immer, aber inzwischen ist es außer Kontrolle geraten.“Der Bürgermeister von Newham hofft inständig, die Regierung werde die sogenannte Vier-Jahres-Regel für Mietraum abschaffen, die besagt, dass Gebäude legal sind, wenn sie vier Jahre existieren und niemand Beschwerde eingereicht hat. „Wenn wir das weiter dulden, werden weite Gegenden Londons von Elendshütten übersät sein“, sagt Bürgermeister Wales.Christine Lyons hat einen scharfen Blick für illegale Behausungen entwickelt. Sie achtet auf Müllstapel, lugt durch die Fenster von Eingangstüren, um zu sehen, wie viele Schuhe im Flur stehen, hält nach einzeln mit Schlössern versehenen Schlafzimmertüren oder nach Fensterbänken mit Lebensmittelvorräten Ausschau.Ein Litauer, der auf der Baustelle des nahe gelegenen Olympischen Dorfes arbeitet, öffnet die Tür eines dreistöckigen Reihenhauses aus rotem Ziegel und erzählt, er teile sich das Zimmer und die Miete von 520 Pfund mit einem Freund. Ihn überrasche diese Inspektion. „Dieses Haus ist in einem guten Zustand und sehr sauber. Sicher, man kriegt Billigeres, hat dann aber auch mehr Kakerlaken.“Kochen und stillenDie Beamten machen sich weniger Gedanken über die jungen, oftmals osteuropäischen Gastarbeiter als um Familien mit Kindern, die an solchen Orten beengt und unter unhygienischen Bedingungen leben. In einem kleinen Zimmer im Erdgeschoss treffen sie schließlich auf eine junge Frau aus dem indischen Hyderabad, die gerade – diskret unter einem Tuch verborgen – ihr sechs Wochen altes Kind stillt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Mutter in diesem Raum, der zugestellt ist mit Koffern, Regalen, zusammengerollten Matratzen, Pappschachteln, Lebensmitteln, Kochutensilien und Babyzubehör. Obwohl draußen die Sonne scheint, sind die Gardinen zugezogen, um die Blicke von Passanten auszusperren. Auf einem fröhlichen Banner an der Wand steht: „Glückwunsch! Ein Junge!“Jyoti ist 30 Jahre alt und hat in Indien für eine US-Bank gearbeitet. Sie ist guter Dinge, äußert aber höflich Zweifel an den Lebensbedingungen, mit denen sie zurecht kommen müsse, seit sie zu ihrem Mann nach London gezogen sei. Als besonders unangenehm empfinde sie den Müll und die Ratten. Ihr Mann zahle für das Zimmer 520 Pfund im Monat. Die Putzarbeiten übernehme sie selbst, weil sich die anderen Mieter nicht darum kümmerten.Am meisten tun Jyoti die Nachbarn im Gartenhaus leid. Die hätten erzählt, dass dort der Geruch der Abwässer kaum zu ertragen sei, was wohl damit zu tun habe, dass die sanitären Anlagen einfach nicht für diese Zahl von Menschen gemacht seien, die hier auf engstem Raum wohnen. Es gebe nur zwei Toiletten, „nicht annähernd genug“, sagt Jyoti, die sich auf ihre Rückkehr nach Hyderabad freut. Dort könne man sehr viel besser leben als in London.