Durch die Digitalisierung kann sich das Wissen heute von bisherigen Beschränkungen lösen. Open Access bietet großartige Chancen für Wissenschaftler, Autoren und Verleger
Publizieren heißt: veröffentlichen. Wer publiziert, macht seine Gedanken, Meinungen und Erkenntnisse anderen, einer Öffentlichkeit, zugänglich; und dies in der hoffnungsvollen Absicht, dass sie auch von allen Menschen oder einer bestimmten interessierten Zielgruppe wahrgenommen werden. Je größer die angesprochene Zielgruppe ist, mit der man in Kontakt treten möchte, desto geringer werden jene Barrieren sein, welche den Zugang zum Text und damit seine Wahrnehmbarkeit einschränken können.
„Open Access“ zu publizieren heißt: die Barrieren, die die Öffentlichkeit im freien Zugang und damit in der Wahrnehmung des eigenen Werkes behindern, auf ein
u publizieren heißt: die Barrieren, die die Öffentlichkeit im freien Zugang und damit in der Wahrnehmung des eigenen Werkes behindern, auf ein Minimum zu reduzieren. Jede öffentliche Bibliothek gewährt diesen freien, ja: kostenfreien Zugang, denn nur die Ausleihe von Medien selbst ist in der Regel kostenpflichtig. Das „Web“ ermöglicht diesen freien Zugang nun auch unabhängig vom Standort der Bibliothek, unabhängig von Öffnungszeiten und unabhängig von der physischen Verfügbarkeit der Medien: Das Netz schläft nie, Ton, Text und Bild sind prinzipiell gleichzeitig und jederzeit an allen Orten der Welt allen Menschen verfügbar. Die einzigen Barrieren bei Open Access sind der Zugang zum Netz und das Vorhandensein eines Endgerätes.Wissen ohne BücherWissenschaftler sind immer sowohl Autoren als auch Leser, sie sind an der Wahrnehmbarkeit der eigenen Texte genauso interessiert wie an der eigenen Wahrnehmung der Texte ihrer Kolleginnen und Kollegen. Wissenschaftliches Arbeiten basiert auf dem Austausch von Erkenntnissen, auf der Kommunikation zwischen den Forschern. Je weniger Hindernisse dieser über weite Teile verschriftlichten Kommunikation im Weg stehen, desto größer ist die Freiheit der einzelnen Wissenschaftler und auch die der Wissenschaft als Ganzes.Wer von den älteren Kollegen erinnert sich nicht an die Beschränkungen, die bis vor 20 Jahren der „eiserne Vorhang“ dem Austausch von wissenschaftlicher Fachliteratur zwischen Ost und West auferlegte? Fast unbemerkt in den Tagen des Mauerfalls in Deutschland bahnte sich 1989 eine viel größere und bedeutsamere Revolution an, als Tim Berners-Lee ein Projekt initiierte, das den weltweiten Austausch von Informationen zwischen Wissenschaftlern vereinfachen sollte. Die Geburtsstunde des World Wide Web ist gleichzeitig die Geburtsstunde von Open Access, des freien und ungehinderten Zugangs zu Informationen.Das Jahr 1989 ist in politischer und besonders kultureller Hinsicht ein Schlüsseljahr, ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Nur selten haben zwei Dekaden einen solchen grundlegenden und weltweiten Paradigmenwechsel im Umgang mit Information bewirkt, eine Umwälzung, deren Tragweite ich nicht nur mit der Erfindung des Buchdrucks, sondern sogar der Entwicklung der Schrift und des Schreibens vergleichen möchte: Wie bislang nur mündlich Überliefertes nun auf Ton, Stein, Holz, Papyrus und Papier festgehalten werden konnte, die Speicherung von Wissen außerhalb des eigenen Gedächtnisses auf Materie möglich wurde, kann sich heute das Wissen durch die Digitalisierung wieder ent-materialisieren, sich lösen von den Beschränkungen, denen es durch die physischen Datenträger unterworfen war.Open Access im Web zu veröffentlichen(der Pleonasmus ist beabsichtigt), dient der einfachen Kommunikation, dem freien Informationsaustausch – nicht nur unter Wissenschaftlern. Zeitungen, Radioprogramme, virtuelle Museen und Bildersammlungen und Textarchive aller Art und aus aller Welt sind heute für jeden Menschen mit einem Internet-Zugang zumeist kostenlos und frei verfügbar. Warum dann nicht auch alle wissenschaftlichen Informationen, für die das Web doch ursprünglich gedacht war? „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, sagt Heraklit, und genausowenig können wir die durch das Web veränderten Gewohnheiten der Menschen und die daraus folgenden Konsequenzen ignorieren oder gar auf die Zeit von vor 20 Jahren zurückdrehen.Doch rund 6.000 Jahre dialektische „Einheit von Form und Inhalt“ haben ihre Spuren hinterlassen, Tragendes (Buch) und Getragenes (Text) werden von vielen Menschen nach wie vor als Eins empfunden, das für sie untrennbar miteinander verbunden ist. Besonders geisteswissenschaftliche Autoren und ihre Verlage tun sich oftmals schwer mit der Entkoppelung von Text und Medium, deren Auswirkungen sie als negative „Entfesselung“ ablehnen. Der vom gebundenen Buch befreite Text gilt ihnen, da scheinbar unkontrolliert und dem kritischen Auge des Verlages entzogen, für qualitativ minderwertig.Kultur ohne ExklusivvertragIm Web schlägt, so die Kritiker, die „Stunde der Stümper“ (Andrew Keen), denn „jeder Narr“ (Marek Lieberberg) kann seinem „unlektorierten Mitteilungsbedürfnis“ (Susanne Gaschke) frönen. Misstrauisch bis entsetzt beäugen sie die Räuber, die Piraten und „Freibeuter im Datenmeer“ (Thomas Schmid) und fürchten um die Integrität ihrer Werke, ihre Souveränität als Urheber, um die Existenz der traditionellen Verlage, oder gleich um den Erhalt der literarischen und wissenschaftlichen Kultur – wie der Philologe Roland Reuß, der den „Heidelberger Appell“ ins Leben gerufen hat. Denn wer in der kleinen Special Interest Group der Wissenschaftler wird noch gedruckte Bücher kaufen, wenn alle Texte frei und kostenlos im Netz verfügbar sind, wer wird für die Qualität der Publikationen bürgen und wer die Freiheit der Wissenschaften schützen, wenn deren Ergebnisse zwangsweise auch auf staatlichen Universitätsservern landen sollen?In dem Wunsch, die Wissenschaftler zur Publikation unter den Regeln von Open Access zu verpflichten, drückt sich nicht ein Ruf nach Enteignung aus, sondern die Stimme der Freiheit. Freiheit für die forschende und lehrende Zunft im barrierelosen Austausch und in der Nutzung von Erkenntnissen. Und Freiheit für die schreibende Zunft, nicht durch routinemäßige Exklusivverträge ihre Rechte am Werk an die Vermarkter abgeben zu müssen. Denn wer als Autor nur einfache Nutzungsrechte – wie bei Open-Access-Publikationen – vergibt, kann sich jederzeit entscheiden, wo und unter welchen Bedingungen er die Nutzung gestattet oder versagt; ein Recht, das bislang die Verlage vertragsmäßig übernommen bzw. abgenommen haben.Darum ist Open Access jetzt vor allem ein Zwang für die Verlage, ihre überkommenen Geschäftsmodelle den neuen Gegebenheiten anzupassen und mit Respekt dem neuen Freiheitswillen ihrer Autoren zu begegnen. Gerade für kleinere und mittlere Betriebe kann dieser Anpassungsdruck ein Vorteil sein, denn die ihnen verbundene Stammleserschaft schätzt die Vorteile des gedruckten Buches und kennt den Mehrwert der digitalen Form; den Weg beschreiten somit Verlag und Autor gemeinsam.Es wird nicht viel Wasser den Fluss hinabfließen, bis Open Access auch in den Geisteswissenschaften weltweit zum Standard wissenschaftlichen Publizierens wird – ganz ohne „technokratische Machtergreifung“ und äußeren Zwang. Ich als Altertumswissenschaftler brauche schon heute gedruckte Bücher und Open Access – und Verlage mit im Boot, die mir beides ermöglichen.