Der menschliche Körper als geistiges Eigentum? Klingt absurd. Aber: Ein Fünftel der Gene unseres Erbguts sind bereits patentiert. Ein Ende ist nicht in Sicht
Die Association for Molecular Pathology hat in Zusammenarbeit mit der American Civil Liberties Union einen entscheidenden Sieg errungen: Sie konnte einige der Patente kippen, die eine Firma namens Myriad auf das BRCA1-Gen für Brustkrebs hält. Es gibt drei Gründe, weshalb Genpatente wie diese unsinnig sind, und davon ist der letzte einigermaßen lustig.
Patente sind an sich eine vernünftige Angelegenheit. Die Aussicht auf einen Wettbewerbsvorteil spornt die Investition in Innovationen an. Durch den Patentschutz kann der Halter des Patents seine Entdeckung mit anderen unter fairen Bedingungen teilen – ansonsten würde er sie vielleicht vor der Allgemeinheit geheim halten, um sie zu Geld zu machen. Doch Barrieren können den Fortschritt auch hemmen, und di
Übersetzung: Christine Käppeler
n den Fortschritt auch hemmen, und dieser negative Aspekt tritt bei Genpatenten besonders deutlich zutage.Beispiel BRCA1: Formen dieses Gens treten häufig auf. Sie unterscheiden sich oft nur leicht voneinander, doch diese kleinen Abweichungen können große Auswirkungen haben. Denn die unterschiedlichen Varianten können ein Indikator für erhöhtes Brustkrebsrisiko sein. Deshalb führen Ärzte recht häufig einen Gentest durch, der bestimmt, welche BRCA1-Version bei einer Patientin auftritt.Gen-PatentDie Firma Myriad wollte nun mit diesem Vorgang Geld verdienen. Zwar konnte sich das Unternehmen nicht den Gentest patentieren lassen, dafür aber die BRCA1-Gene selbst. Und das, obwohl diese Gene völlig ohne ihr Zutun existieren und ganz von selbst auftreten. Die Auswirkungen auf die Arbeit in der medizinischen Praxis und die Forschung sind erschreckend.Eine der Klägerinnen gegen Myriad hatte einen BRCA1-Test des Unternehmens durchführen lassen und wollte das Ergebnis durch den Test eines anderen Herstellers verifizieren lassen. Es ist aber nicht möglich, einen solchen Test zu machen: In den USA ist Myriad das einzige Unternehmen, das einen BRCA1-Test anbieten darf (und dafür verlangen sie mehr als 3.000 Dollar). Die Firma verfolgt alle, die Tests entwickeln, die mit Hilfe des BRCA1-Gens das Brustkrebsrisiko untersuchen. Die Entwicklung neuer Tests wird dadurch verzögert.Eine Umfrage unter den Leitern der führenden Forschungsinstitute der USA untersuchte im Jahr 2003, in welchem Umfang die Forschung auf allen medizinischen Gebieten durch Gen-Patente beeinträchtigt wird. Sie kam zu dem Ergebnis, dass 53 Prozent der Befragten schon einmal „entschieden hatten einen Test/eine Leistung für klinische Zwecke oder Forschungszwecke aufgrund eines Patents nicht zu entwickeln oder durchzuführen“.Die Spitze des Forschungs-EisbergsDieses Ergebnis kann kaum überraschen, denn 2005 fand eine andere Studie heraus, dass etwa ein Fünftel der 23.688 Gene des menschlichen Genoms – unseres Erbguts also – bereits patentiert sind.Doch diese Tests sind nur die Spitze des Forschungs-Eisbergs. Selbst die grundlegendsten Forschungsarbeiten, die in den vergangenen 12 Jahren im Zusammenhang mit dem BRCA1-Brustkrebs-Gen durchgeführt wurden, haben Myriads Patentrechte verletzt. Und obwohl die Firma in der Regel Grundlagenforscher nicht verfolgt, so hat sie doch niemals explizit erklärt, dass sie das in Zukunft nicht tun werde. Und so ist die akademische Erforschung eines Hauptrisikofaktors für eine der häufigsten Todesursachen – der am weitesten verbreiteten Form von Krebs bei Frauen weltweit – auch in Zukunft auf die Nachsicht des Unternehmens angewiesen. Forschung wird so zu einer riskanten Aufgabe.Und das ist noch längst nicht alles.Unlängst erschien in der Zeitschrift Genomics ein Paper mit dem Titel „Metastasizing patent claims in BRCA1“ (Metastasierende Patentansprüche auf das BRCA1-Genom). Es geht dem tatsächlichen Ausmaß der Patente nach, die auf das BRCA1-Genom 1998 gewährt wurden. Was dabei herausgefunden wurde, ist wirklich absurd. Die Autoren gingen dem Patent #4.747.282 auf den Grund. Es erhebt Anspruch auf die Rechte an allen Sequenzen von 15 Nukleotiden, den „Buchstaben“ des genetischen Codes, die jeden beliebigen Teil des Proteins, welches das BRCA1-Gen erzeugt, verschlüsseln.Nahezu jedes Gen betroffenZunächst rechnen die Verfasser des Papers vor, wie absurd das Ausmaß dieses Anspruchs ist. Es gibt rund 1,6 Millionen unterschiedliche Sequenzen von 15 Nukleotiden, die einen Teil des BRCA1-Proteins kodieren könnten. Insgesamt gibt es 1,07 Milliarden mögliche Sequenzen von 15 Nukleotiden. Insofern würde das Patent etwa jede 600. aller überhaupt vorstellbaren DNA-Sequenzen auf 15 Nukleotiden abdecken. Da ein durchschnittliches menschliches Gen eine Sequenz von etwa 10.000 Nukleotiden ist, ist davon auszugehen, dass jedes menschliche Gen etwa 15 der Sequenzen von 15 Nukleotiden enthält, die unter das BRCA1-Patent fallen.Die Autoren glichen ihre Hypothese mit der Realität ab: In einer gigantischen Computer-Berechnung nahmen sie alle Sequenzen von 15 Nukleotiden aus dem BRCA1 und suchten nur auf dem Chromosom 1 danach. Sie fanden 340.000 Übereinstimmungen – etwa so viele, wie sie zuvor in der Theorie prognostiziert hatten. Das entspricht pro menschlichem Gen 14 Sequenzen, die gegen das Patentrecht verstoßen. Dabei befindet sich das BRCA1-Gen übrigens eigentlich auf Chromosom 17.Die Ansprüche von diesem Patent erstrecken sich also, wenn sie gründlich eingefordert werden, auf so gut wie jedes einzelne Gen jeder einzelnen Person auf diesem Planeten.Man kann über das Patentwesen sowohl in moralischer als auch in praktischer Hinsicht unterschiedlicher Meinung sein, doch die Rechte, die das Patent auf das BRCA1-Gen enthält, sind schlichtweg absurd.