Es kommt für jeden Menschen der Zeitpunkt, da ist es vorbei – aber so unausweichlich das Sterben doch ist, so schwierig erscheint es, sich mit seinem Endpunkt zu befassen.
Am vergangenen Mittwoch hat sich dieser Frage nun auch der Deutsche Ethikrat gestellt und mit „Neuen Erkenntnissen zum Ende des menschlichen Lebens“ beschäftigt. Der Titel ist ein bisschen beschönigend – denn tatsächlich ging und geht es um den Tod, genauer gesagt um den Hirntod. Und es geht um die Frage, ob man sich auf diese Definition des Lebensendes auch mit Rücksicht auf besagte „neue Erkenntnisse“ künftig festlegen möchte, wenn sie doch untrennbar mit dem Gewinn von Organen für die Transplantationsmedizin verbunden er scheint.
Seit 1968 erset
Seit 1968 ersetzt der Hirntod die durch die Erfindung von Herzlungenmaschinen und die Möglichkeit der Herztransplantation überholte Definition von Tod als jenem Zeitpunkt, an dem ein menschliches Herz aufhört zu schlagen. Das Herz mochte mit Hilfe weiterschlagen, entscheidend wurde, ob das Gehirn als das letzte unersetzbare Organ vollständig ausgefallen war – was ja auch nach einem Herzstillstand üblicherweise binnen Minuten passiert. Doch als man sich durch die neue Definition von der veralteten trennte, erschien das nicht allen als Fortschritt: Denn gleichzeitig wurde der Hirntod zur Voraussetzung für die Entnahme von vitalen Organen zur Verpflanzung in andere Körper. Bald kamen Zweifel auf, ob die moderne Auffassung von Tod nicht vor allem eine im Dienste der Transplantationsmedizin sei. Und gerade heute wird mehr denn je darüber gestritten, ob der Hirntod tatsächlich mit dem Tod eines Menschen gleichzusetzen ist. Denn ob wirklich gar nichts mehr im Gehirn eines Hirntoten passiert – darüber sind sich einige Mediziner nicht mehr ganz einig.Über diese Fragen vernünftig zu sprechen scheint aber zuviel verlangt zu sein. Denn beherrscht wird die Debatte bisher vor allem von Wut und Empörung. Wut und Empörung darüber, dass unter dem Deckmantel der Spende „warme, rosige Körper ausgeweidet“ würden, damit „transplantationswütige Chirurgen“ an möglichst „hochwertiges Material“ herankämen. Wut und Empörung darüber, dass die Hoffnung auf eine lebensrettende Transplantation für nicht mehr so rosige, aber dafür noch lange nicht tote Schwerstkranke durch massiven medizinbürokratischen Aufwand und erzwungene ethische Selbstbeschränkung pulverisiert werde. Wut und Empörung über eine vermutete Kapitalisierung von Herzen und Lungen, angetrieben von skrupellosen Lobbyorganisationen. Wut und Empörung über das Ende eines geliebten Menschen, der mit allen medizinischen Möglichkeiten hätte gerettet werden müssen – oder für die Rettung eines Fremden aufgeschnitten wurde, bevor er kalt war.Der Tod als Frage des LebensIn diesem Klima emotionaler Verhärtung ist der Boden der Tatsachen nur noch schwer zu erkennen – was nicht heißt, dass es keinen gäbe. Über den Hirntod lässt sich einiges mit Sicherheit sagen. Der zentrale, wenn nicht gar entscheidende Punkt: Noch nie ist ein nach allen vorgeschriebenen Kriterien für hirntot erklärter Patient wieder aufgewacht und in die Mitte seiner Angehörigen oder auch nur in sein eigenes Leben zurückgekehrt. Aus neurologischer Sicht kann es auch nicht anders sein: Wenn (siehe Kasten) alle Bereiche des Gehirns ihre Funktion eingestellt haben, gehen unverzichtbare Fähigkeiten unwiederbringlich verloren. Ein hirntoter Mensch wird nie wieder selbstständig atmen, nie wieder sein Bewusstsein zurückerlangen, nie wieder einen Willen entwickeln und ausdrücken können. „Wenn das Gehirn völlig ausfällt, bleibend ausfällt, dann kommt das einer inneren Enthauptung gleich“, beschreibt es Stefanie Förderreuther. Die Neurologin von der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat als einer von zwei medizinischen Experten im Forum des Ethikrats gesprochen, und was sie sagt, erscheint rational und schlüssig.Dass es trotzdem vehemente Kritik am Konzept des Hirntods und seinen Kriterien gibt, liegt aber ohnehin nicht an dem, was Experten wie Förderreuther über die unwiderbringlichen Verluste im Rahmen eines Totalversagens des Gehirns feststellen. Diese Dinge sind weitgehend unstrittig. Es liegt vielmehr an den sehr verschiedenen Vorstellungen und Konzepten, die Philosophen, Biologen, Mediziner und auch Normalbürger von dem Begriff „Leben“ haben, und die durch den Hirntod auf entsprechend verschiedene Weise berührt werden.Wer Bewusstsein, Willen, Bedürfnisse und die Möglichkeit des Erlebens durch Empfindungen als essenziell für menschliches Leben erachtet, wird im Hirntod das definitive Ende klar erkennen können. Aber wie auch die Debatten um Embryonenschutz und Stammzellforschung gezeigt haben, ist diese Ansicht alles andere als Konsens. Vor allem die Idee „organismischen“ Lebens steht im Widerspruch zum Hirntod, weil hier auf die rein biologische Funktionalität fokussiert wird. Manche – nicht alle – Hirntote halten über vegetative Mechanismen eine Reihe von biologischen Funktionen über Tage, Monate oder in Einzelfällen auch Jahre aufrecht. Sie regulieren ihre Körperwärme, sie verdauen und scheiden aus, sie produzieren Hormone und beschleunigen ihren Puls, und obwohl sie für all diese Dinge allein ihr Rückenmark benötigen, sind sie in den Augen vieler Menschen lebendig. Alan Shewmon, der am Mittwoch ebenfalls vom Deutschen Ethikrat ins Forum geladen war, hat der Idee des lebendigen Hirntoten großen Vorschub geleistet, als er 175 Fälle beschrieb, in denen hirntote Menschen noch bis zu 14 Jahre nach der Diagnostik mit medizinischer Hilfe überlebten, bevor der Körper komplett versagte.Kinder von Leichen?Welches Konzept von Leben man persönlich annimmt und ob man es gegen die Definition des Hirntods für schützenswert erachtet, kann aber weder die Naturwissenschaft noch der Gesetzgeber entscheiden. Das hat auch die Berliner Physikerin und Neurophilosophin Sabine Müller vor zwei Jahren in einer viel beachteten Publikation festgestellt, in der sie den Einsatz bildgebender Verfahren in der Hirntoddiagnostik fordert. Obwohl die Wissenschaftlerin eine Gleichsetzung von Tod und Hirntod für unzulässig hält, plädiert sie dafür, niemandem eine Auffassung von Leben aufzuzwingen „Eine solche Wertsetzung sollte der Entscheidung des Einzelnen überlassen bleiben.“Wie schwierig das aber ist, solange das Thema nur emotional oder in Expertengremien diskutiert wird, zeigt die Realität jener Sonderfälle, in denen bei Schwangeren ein Hirntod festgestellt wird. Der Körper dieser Frauen ist, sofern er medizinisch entsprechend intensiv versorgt wird, noch in der physischen Lage, das Kind zumindest eine Weile weiter auszutragen.Über eines dieser Kinder konnte man unter der Überschrift „Aus einer Leiche geboren“ im vergangenen Jahr in einem großen Nachrichtenmagazin lesen: Max Siegel, ein junger Mann, der vor zwanzig Jahren von seiner hirntoten Mutter geboren wurde. Sie war in der 17. Schwangerschaftswoche zusammengebrochen und zu spät gefunden worden – sie hatte schon aufgehört zu atmen. Der Sauerstoffmangel ließ das Gehirn der Frau unter der Schädeldecke so stark anschwellen, dass es förmlich von innen erdrückt wurde. Die Ärzte konnten nur noch den Hirntod festellen. Aber Beatmung und der über fast drei Monate körperlich unversehrte Zustand der Frau ermöglichten die Geburt des Sohnes. Bis heute bezeichnet der behandelnde Arzt der Frau, Paolo Bavastro, das Erlebnis dieser Geburt als absolut prägend für seine Haltung in der Frage des Lebensendes: „Hirntot ist nicht gleich tot“, wird der Internist nicht müde zu betonen, und das ist nach seinen intensiven persönlichen Erfahrungen eine Positione, die sich auch nicht wegdiskutieren lässt. Dass eine Frau, die nach technischen Kriterien tot war, noch fast drei Monate nach diesem Tod einem gesunden Baby das Leben schenkte, erscheint Bavastro noch heute als unüberbrückbarer Widerspruch.Hirntod ist nicht OrganspendeAber was bedeutet das für eine ganze Gesellschaft? Es gibt eine Reihe ähnlicher Fälle, rund 30 finden sich auch in der Liste jener Patienten, die Alan Shewmon zusammengetragen hat, in knapp einem Dutzend bekannter Fälle wurden die Babys der hirntoten Mütter auch geboren. In Deutschland ist aber vor allem das Erlanger Baby bekannt, ein Fötus, der 1992 noch fünf Wochen nach dem festgestellten Hirntod seiner Mutter von ihr ausgetragen wurde, bevor er in der 19. Schwangerschaftswoche wegen einer Infektion durch einen Spontanabort abging.Die öffentliche Empörung entzündete sich damals vor allem daran, dass man um den Preis des „Experiments“ die Würde der Mutter verletzt hatte. Obwohl sie nach allen Kriterien hirntot war, also: tot, hatte man sie ihrem Tod nicht überlassen, die Ärzte wurden bezichtigt, die Familie im Unklaren über den wahren Zustand der jungen Frau gelassen zu haben. Doch was hätte die Klarheit bewirkt? Der Vater von Max Siegel wollte den Ärzten gar nicht zuhören: Er hatte nach eigener Aussage überhaupt kaum Interesse an der Geburt seines Sohnes, dafür aber an der Wiederkehr der Mutter, von der er allen Erklärungen zum Trotz glaubte, sie zurückzubekommen.Beide Beispiele zeigen nicht nur die Verzweiflung, die ganz unabhängig von einer Definition mit dem Tod als solchem verbunden sein kann, sondern auch die unterschiedlichen Perspektiven, die Betroffene und Öffentlichkeit in Abhängigkeit von der persönlichen Lage und der sich entwickelnden Situation auf das Thema Hirntod einnehmen. Hier einen Konsens zu finden, der alle zu Recht erhobenen Ansprüche zufriedenstellt, ist unmöglich. Es kann nur darum gehen, die Freiheit des Willens zu schützen. Das gilt nicht erst, wenn es um die Bereitschaft zur Organspende geht. Wer den Hirntod als Tod akzeptiert, kann zugleich der Ansicht sein, nicht spenden zu müssen. Nur sollte nicht über die Organspende entscheiden müssen, wer zuvor nicht sachlich über den Hirntod informiert wurde.