Totale Erinnerung: Statt sich zu seiner Schuld zu bekennen, erklärt Dieter Althaus seinen Skiunfall als „tragisches Unglück“ – und besiegelt damit das eigene Drama
Dieter Althaus hat keine Erinnerung an das, was am Neujahrstag auf der Piste im Österreichischen Donnersbachwald passiert ist. Später, in einer Erklärung vor CDU-Delegierten, hat er von einem „tragischen Unglück“ gesprochen. Es lohnt sich, die Wortwahl genauer zu betrachten. Denn im klassischen Sinne kann ein Unfall zwar ein Unglück, aber nie eine Tragödie sein. Sie wird einzig durch einen schicksalhaften Konflikt des Protagonisten definiert, also durch seinen eigenen Kampf – und nicht durch ein äußeres Ereignis.
Von „Hamlet“ über „King Lear“ bis zu „Romeo und Julia“ erliegen die Hauptdarsteller früher oder später der Hybris und beginnen, ihr vorbestimmtes Schicksal selbst zu beeinfl
zu beeinflussen. Dieser Kampf bildet den Kern einer jeden Tragödie.Shakespearehafte Tragödie Dass Dieter Althaus von seinem Skiunfall als „tragisches Unglück“ spricht, ist verständlich. Er suggeriert damit aber auch ein unausweichliches Ereignis statt einen eigenen Fehler zu bekennen. Er verschiebt seine Verantwortung in die Hand einer höheren Gewalt. Nicht mit dem Unfall, sondern mit seiner Erklärung beginnt die eigentliche Tragödie: ein modernes Drama um die Unterdrückung des Privaten durch das Politische, um den Sieg der Macht-Rhetorik über die Sprache des Gewissens, um das Auseinanderdriften von Selbstwahrnehmung und öffentlichem Bild eines Politikers. Der Fall Dieter Althaus ist eine moderne, shakespearehafte Tragödie, zu deren Bühne die Medien geworden sind.Man stellt derzeit die Frage, ob ein Mann, der einen Skiunfall verursacht hat, sich erneut als Ministerpräsident zur Wahl stellen kann. Diese Frage ist falsch. Viele Politiker sind durch Fehler und den darauf folgenden Prozess der Erkenntnis zu besseren, einfühlsameren Volksvertretern geworden. Ein Fehler kann Menschen stärken, er muss sie nicht demontieren, wenn sie glaubhaft und souverän mit ihm umgehen. Die entscheidende Frage ist, ob ein Politiker, der einen privaten Fehler als Tragödie erklärt seine politische Tragödie nicht selbst in Gang setzt und damit nach den Regeln des Theaters (und der politischen Inszenierung) scheitern muss.Das Private ist das PolitischeFür Unfallgutachter ist das Geschehen klar rekonstruierbar: Dieter Althaus ist die Piste „Die Sonnige“ heruntergefahren, hat dabei eine Absperrung umfahren und ist einige Meter auf der „Panoramaabfahrt“ bergauf gefahren. Hier prallte er mit ca. 40 Stundenkilometern mit einer Skifahrerin zusammen. Althaus wurde schwer verletzt, die Skifahrerin starb. Ein österreichisches Gericht hat die Schuld des Ministerpräsidenten festgestellt und eine Strafe von 33.300 Euro plus 5.000 Euro Schmerzensgeld verhängt.Unfälle wie die von Dieter Althaus sind nicht selten. Allerdings ist Althaus nicht nur Skifahrer, sondern auch Politiker. Sein privates Handeln stellt für viele seiner Wähler ein erhebliches Kriterium für seine politische und moralische Integrität dar. Während ein gewöhnlicher Skifahrer seine Schuld individuell verarbeiten kann, wird von Dieter Althaus erwartet, dass er sie sofort öffentlich vertritt. Und in diesem Mechanismus liegt einer der größten Konflikte dieser Tragödie.In der Regel wird von Politikern erwartet, dass sie die Wirklichkeit gestalten. Im Falle seines Unfalls hat Dieter Althaus nicht einmal eine Erinnerung an die Wirklichkeit. Er kann sie lediglich rekonstruieren. Da ist es all zu menschlich, dass er auf Sachverständige verweist, die den Unfall als „tragische Verkettung von Umständen“ analysieren. Zumal seine Partei ein Interesse daran hat, keine Schuldfrage zu stellen, sondern die schicksalhafte Rolle des Ministerpräsidenten zu betonen. Althaus steht vor einem entscheidenden Wahlkampf und soll möglichst schnell wieder zum Tagesgeschäft übergehen. Für die CDU scheint die Schuldfrage juristisch geklärt und damit abgegolten. Für Althaus selbst ist der Unfall Teil eines „Filmrisses“ – er hat ihn nicht erlebt, und selbst wenn er sich nach der eigenen Schuld fragen will, wird ihm die Antwort bereits von außen in den Mund gelegt: eine klassische Tragödie.Der Bild-Zeitung erklärte der Ministerpräsident in einem exklusiven Interview: „Ich glaube, Schuld ist nicht die richtige Kategorie, um ein solch tragisches Unglück zu bewerten. Ich fühle mich aber verantwortlich.“ Althaus nimmt hier eine Trennung von Verantwortung und Schuld vor. Mehr noch: Er deutet die eigene Verantwortung als Tugend und nicht als logische Konsequenz seiner Schuld. Damit bedient er ein politisches Ritual. Üblich ist es, dass Politiker Verantwortung für die Handlungen Dritter übernehmen. Im Fall Althaus gibt es aber keine Dritten. Es geht um ihn selbst und nicht um andere, für die er als Politiker Verantwortung übernehmen und sich gleichzeitig von ihrem Handeln distanzieren könnte. Die Distanz zu seinem eigenen Fehler findet Althaus darin, dass er selbst den Unfall nicht erinnert und sich in seiner Beurteilung auf Dritte verlässt.Ein Theater im TheaterIndem Althaus das gelernte politische Denken in einer privaten Situation anwendet, umgeht er ein Schuldbekenntnis. Nach den politischen Spielregeln würde es den Exodus der Karriere bedeuten. In der Politik existiert die private Kette von Schuld, Erkenntnis und Vergebung nicht. Wer unschuldig ist und Verantwortung übernimmt, wird belohnt. Wer schuldig ist und das eingesteht, muss zurücktreten.Althaus hatte die Chance, die Konvention dieser politischen Rhetorik zu sprengen. Hätte er sich schuldig bekannt und eine glaubhafte Erkenntnis vermittelt, wäre ihm der klassische Verlauf einer Tragödie vielleicht erspart geblieben. So wird sie zum Lehrstück, wie sich ein Mensch zwischen politischer Rhetorik und privatem Empfinden selbst auflöst.Eine weitere Kategorie der klassischen Tragödie ist die Intrige. Was für Hamlet die verräterischen Freunde Rosenkranz und Güldenstern sind, ist im Fall Althaus die CDU in Thüringen. Sie hat die Abwesenheit des Ministerpräsidenten als Anwesenheit verkauft – und den eigenen Spitzenkandidaten damit zum Phantom gemacht. Die CDU hat die Spekulationen um den Gesundheitszustand des Ministerpräsidenten befeuert, regelmäßig seine gesundheitlichen Fortschritte verkündet und ihm durch die eigene Öffentlichkeitsarbeit der Privatheit des Politikers beraubt. Im letzten Akt der Tragödie Althaus treten nun die Medien auf, in deren Verlagshäusern das Schauspiel inszeniert wird – ein hamlethaftes „Theater im Theater“.Althaus hat der Bild-Zeitung ein weitgehend belangloses Interview gegeben und dann zwei Wochen lang geschwiegen. Irgendwann hat seine Partei eine Runde von Journalisten zu einem Hintergrundgespräch eingeladen, aus dem aber nicht zitiert werden durfte. Christiane Kohl von der Süddeutschen Zeitung fragte sich anschließend, ob da ein Politiker aufgetreten sei, der in wenigen Wochen tatkräftig in den thüringischen Landtagswahlkampf ziehen wollte oder ein Schwerkranker, der zwar in der Lage gewesen sei, Fragen zu beantworten, aber im Grunde nicht recht wusste, auf was er sich eingelassen habe. In Althaus’ Umgang mit den Medien ist die Hybris der klassischen Tragödie in Vollendung zu beobachten. Er will dem Schicksal durch eigenes Handeln entgehen.Inzwischen ist der Unfall zu dem geworden, was er niemals werden sollte: zum Wahlkampfthema. Althaus hat ihn dazu gemacht. Per Definition ist der Protagonist in einer Tragödie zum Scheitern verurteilt. Die CDU in Thüringen und Dieter Althaus glauben noch immer an einen Sieg. Die Frage, ob er als Ministerpräsident antreten soll, ist keine Frage des Skiunfalls. Dieter Althaus selbst hat das private Drama zu seiner eigenen, politischen Tragödie umgeschrieben.