Richtige Fußball-Fans wollen keine Kulturkritik, sondern auf dem Platz in spielerisch reinster Form den Zufall genießen, ohne von ihm selbst betroffen zu sein
An diesem Freitag beginnt die neue Bundesliga-Saison. Damit geht die in welt- und europameisterschaftsfreien Jahren immer besonders schwer erträgliche Fußball-Sommerpause zu Ende. Endlich kommt wieder Struktur ins Wochenende. Während der Fußball pausiert, bleiben dem ernstzunehmenden Fan praktisch nur zwei Beschäftigungstherapien: das Transfergerücht und die Grundsatzreflexion. Beide Genres haben so ihre Nachteile. Das Transfergerücht ist naturgemäß kurzlebig, strategisch lanciert oder einfach frei erfunden; der theoretische Exkurs dient meistens nur als unbefriedigender Ersatz für das eigentliche Mitfiebern.
Mit großer Ausdauer haben Schriftsteller und Kulturtheoretiker wie Javier Marías (All unsere frühen Schlachten. Fuß
chten. Fußball-Stücke) oder Klaus Theweleit (Tor zur Welt. Der Fußball als Realitätsmodell) der tieferen philosophischen und gesellschaftspolitischen Bedeutung dieses Sports hinterhergeschrieben. Wo Millionen von Menschen Woche für Woche derart bereitwillig psychische Energie investieren, muss doch auch für die Interpreten der gesellschaftlichen Wünsche etwas zu holen sein.Ernstzunehmende Fußballfans sind von der feuilletonistischen Deutungsbedürftigkeit ihres Steckenpferds hingegen wenig überzeugt und hoffen inständig, die Sportphilosophen mögen sich doch bitteschön wieder dem Boxen zuwenden, wie das früher einmal der Fall war. Nichts scheint ihnen ärger, als wenn dem Fußball der Wondratschek blüht: Wenn der unmittelbare Genuss und die Selbstverständlichkeit des Spiels in etwas Kompliziertes verwandelt werden, um einen wenig überzeugenden Analyse-Vorwand zu konstruieren. Die schöngeistige wie die zeitdiagnostische Perspektive gilt als verpönt: Man unterhält sich lieber fachmännisch über die eindrucksvollen Taktik-Grafiken der englischen Sportpresse oder die klugen Artikel der jüngeren Autorenriege des wieder lesenswerten SZ-Sportteils.Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Fußball auch als Diskurs-Gegenstand eine recht deutliche Verbürgerlichung erfahren hat. Das Aufkommen von Distinktionsspielen im Reden darüber ist ein sicheres Zeichen dafür. Zugleich ist Fußball in den letzten zehn Jahren nachhaltig zu einem Unterhaltungsprodukt umgebaut worden, das im Konsum Lifestyle-Signale, also Ressourcen der Selbstbeschreibung freisetzt. Schlimm ist das nicht, aber doch ein relativ neues Phänomen.Kontingenzspiel des LebensHier könnte jetzt die Kulturkritik wieder ins Spiel kommen und den wenig originellen Nachweis führen, dass der Fußball ein weiteres Opfer der Ökonomisierung aller Lebensbereiche geworden ist. Übrig bleibt dabei aber mindestens die Frage, was diesen Sport zu einer besonderen Ware macht, mit anderen Worten: Worin gründet die eigenartige Faszinationskraft des Fußballs?Einem Interview, das die zwischen Traditionspflege und theoretischer Intervention erfolgreich vermittelnde Zeitschrift 11 Freunde Anfang des Jahres mit dem Schweizer Managementberater Reinhard K. Sprenger („Gut aufgestellt. Fußballstrategien für Manager“) geführt hat, war eine interessante Antwort auf diese alte Frage zu entnehmen. Fußball, so Sprenger, der eine Zeit lang als „Berater“ von Ralf Rangnick firmierte (allerdings während dessen eher verwirrter Schalker-Episode), „ist das für die Massen beobachtbare Kontingenzspiel des Lebens. Wenn wir gefragt werden: ‚Warum bist du erfolgreich?’ beziehungsweise ‚Warum bist du so erfolglos?’, dann erzählen wir alle irgendwelche Geschichten, die so, aber auch anders hätten laufen können. Im Fußball ist das alles gleichsam auf 90 Minuten komprimiert. Man weiß nie im Voraus, wie es ausgeht. Erst im Nachhinein unterlegen wir Kausalitäten, glauben Gründe zu erkennen, und kommen zu einem sinnvollen Zusammenhang, den wir Verstehen nennen. Eine Illusion, ohne die wir nicht leben können.“Anschlussfähig ist Sprengers Kontingenz-These für die Fachleute, weil sie nicht in kulturdiagnostischer Distanz über dem eigentlichen Spielgeschehen schwebt, sondern ins Zentrum der jüngeren taktischen Debatten führt. Nach Jahren der Perfektionierung des „Systemfußballs“, also der Vorstellung, dass das Spiel analytisch so weit aufgeschlüsselt werden kann, dass sich im Wesentlichen wiederholbare, das heißt kalkulier- und trainierbare Abläufe zeigen, widmeten sich zuletzt auch Taktikfetischisten wie Liverpools Trainer Rafael Benítez verstärkt der Suche nach Elementen, die außerhalb der Ordnung stehen.Freiraum im SystemGerade jenen Trainern, die angetreten waren, den Zufall abzuschaffen, wurde bewusst, dass sie ihn wieder einführen müssen: In Form von Aktionen, die unvorhersehbar sind, die von den Systemen nicht routiniert berechnet werden können. Die gewachsene Bedeutung von Individualisten wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Franck Ribéry oder Fernando Torres, die durch eine kleine Drehung des Oberkörpers, einen eruptiven Antritt, ein Hochtempodribbling ganzen Abwehrreihen Ohnmachtserfahrungen bereiten können, ergibt sich aus dieser Notwendigkeit zur Systemirritation. Den Preis, den Benítez und Co. dafür bezahlen, ist, dass sie in ihren feinjustierten Kollektiven einen nicht genau berechenbaren Freiraum für die systemfremden Radikalen schaffen müssen, für Spieler, die Kontingenz vermehren (auch für das eigene Team), statt in kollektiver Arbeit daran mitzuwirken, diese zu reduzieren. Dass sich daraus wiederum eine Systemidee bilden lässt, beweist der Erfolg der geölten und doch schwer auszurechnenden Ballbesitzmaschine FC Barcelona.So gesehen führt Fußball tatsächlich in kompakten 90 Minuten immer wieder das „Kontingenzspiel des Lebens“ auf. Darin geht es nicht um das bloße Walten des Zufalls (Fußball ist keine Lotterie), sondern um das menschliche Bedürfnis, ein sinnvolles Verhältnis zu ihm einzunehmen. Einerseits versuchen wir den Zufall einzuhegen, weil das Unvorhergesehene beunruhigt und den gewöhnlichen Ablauf der Dinge unterbricht. Andererseits erscheint er uns gerade deshalb als Chance, einen Moment zu erleben, der den Alltag transzendiert.Den Fußball betrifft diese Dialektik besonders, weil er sich nicht in gleichmäßigen Bewegungen seinen Entscheidungssituationen nähert, sondern häufig völlig unvermittelte Wendungen nimmt. Schon von der Spielanlage her ist Fußball in dieser Hinsicht unkalkulierbar wie kaum eine andere Sportart: Jeder Moment, jede Aktion, jeder Fehler ist potenziell spielentscheidend. Für den Zuschauer schreibt der Fußball keine antiken Dramen, die in erster Linie vom Pathos der Zwangsläufigkeit leben, sondern stellt eine spielerische Form dar, Kontingenz zu genießen, ohne direkt von ihr betroffen zu sein. Nicht, weil man als Fan nicht unter dem Zufall, den die eigene Mannschaft erdulden muss, leiden würde, sondern weil sichergestellt ist, dass er sich nur innerhalb eines Regelwerks aus Systemzwängen entfaltet, das den Zufall exponiert und zugleich entschärft.