Von Christus mal ganz abgesehen: Der Glaube an die Auferstehung hält sich erstaunlich hartnäckig. Warum sich der Mensch partout nicht für immer verabschieden will
Vergangene Woche erst haben sie ihn aus dem Fels gekratzt, eine Sensation soll er sein, auferstanden in einer südsibirischen Gebirgshöhle: Der Urmensch von Denisova ist vermutlich der erste einer bislang unbekannten Homo-Art, die mindestens 30.000 Jahre im Stein darauf wartete, von Anthropologen des Leipziger Max-Planck-Instituts entdeckt zu werden. Einen richtigen Namen muss er noch kriegen. Auch wie er aussah, wie groß sein Gehirn war, ist unklar, denn eigentlich hat man nur ein Stückchen seines kleinen Fingers gefunden. Genug, immerhin, um die Überreste seines Erbguts abzukratzen, und bestimmte Teile der DNA mit der von Homo sapiens zu vergleichen. Erstmals führte diese Methode zum Ziel, ein verlorenes Mitglied der Familie ist zurückgekehrt.
Der Urmensc
er Urmensch wird sich seine Auferstehung allerdings wohl etwas anders vorgestellt haben – falls er denn überhaupt eine Vision davon besaß. Sofern der Neue seinem damals noch zeitgenössischen Nachbarn, dem Homo sapiens, ähnlicher war als dem schlichten Neandertaler, könnte es durchaus so gewesen sein, denn gerade in jenen Tagen, vor ein paar zigtausend Jahren, keimte im Menschen der Glaube an das Übernatürliche – und mit diesem Glauben auch die Idee, dass es nach dem Tod noch irgendwie weiter geht. Die Verstorbenen wurden nicht mehr in leeren Löchern verscharrt, sondern mit kleinen Geschenken bestattet. Sie wurden auf eine Reise geschickt. Ob nun ins Jenseits, oder in ein neues Leben.Zurück? Auch gern als TierIn welchem Moment der Mensch nun genau damit begann, sich an die Unsterblichkeit seiner Seele und mithin an die Idee einer posthumen Zukunft zu klammern, steht nicht fest. Klar ist, dass sich der Gedanke der Auferstehung bis heute hartnäckig in unseren Köpfen hält: Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK hofft fast jeder zweite Deutsche nach seinem Tod verstorbene Verwandte wiederzusehen.Zu verdanken, klar, ist das vor allem den Weltreligionen, die ihren Anhängern sämtlich eine Wiederkehr verheißen, entweder von Seele oder Körper oder beidem zusammen. Nur selten ist diese Auferstehung allerdings eine leibliche Rückkunft in die reale Welt, so, wie sie zu Ostern für Jesus von Nazareth beschrieben wurde. Im Islam wartet die Seele in einem Zwischenreich bis zur körperlichen Auferstehung vor dem jüngsten Gericht. Erst dann entscheidet sich, wer im Zuge der Auferstehung ins jenseitige Paradies einkehren darf, und wer nicht. Zurück auf die Erde geht es aber in keinem Fall. In Teilen des jüdischen Glaubens bleibt der vergängliche Körper gleich ganz außen vor, während die immaterielle Seele zu Gott zurückkehrt, wo immer der auch gerade steckt. Im Buddhismus und Hinduismus wandert die Seele im Zuge der Reinkarnation in einen anderen Körper, auch gerne in den eines Tieres. So unterschiedlich die Formen der Auferstehung sein mögen: Allen gemeinsam ist, dass die Seele – das Ich, die Identität, der eigene Geist – nicht fest mit dem begrenzt haltbaren Fleisch des Körpers verbunden ist.Im Großen und Ganzen blieb diese Auffassung über mehrere Jahrtausende unangetastet – bis mit Darwins Evolutionstheorie die Stunde der „wet sciences“ schlug, der nassen, auf Lebendiges konzentrierten Naturwissenschaften, die den Schöpfungsgeschichten der Religionen und auch der Trennung von Seele und Körper neue Tatsachen entgegensetzten. Charles Darwin konnte der strengen Auslegung der Bibel trotz seines Theologiestudiums schon selbst nicht mehr folgen, wie sollte es da erst den Forschern im 20. Jahrhundert ergehen? Auferstehung? Wo sind die Belege?Partitur des GehirnsManche brachten immerhin ein gewisses Mitgefühl auf. Der Anthropologe Gregory Bateson schrieb 1972 in der Ökologie des Geistes: „Es ist verständlich, dass wir in einer Zivilisation, die den Geist vom Körper absondert, entweder versuchen, den Tod zu vergessen oder Mythologien über das Überleben des transzendenten Geistes zu bilden.“ Ausgerechnet ein Neurophysiologe versuchte noch, den für eine leibhaftige Auferstehung nötigen Leib-Seele-Dualismus zu retten, fragmentarisch wenigstens, in dem er gemeinsam mit dem Philosophen Karl Popper eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist eines Menschen postulierte. 1963 bekam John Eccles den Nobelpreis für seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Erregungsleitung an Nervenzellen. Für seine Theorie über das Zwiegespräch zwischen Leib und Seele dagegen wird er heute – nach seinem Tod – nicht mehr ernst genommen. Je mehr man über den Aufbau und die Komplexität des Gehirns herausfindet, desto offenkundiger erscheint es, dass die Seele eines Menschen nicht zu Gast im Körper ist, und mithin auch nicht aus ihm ein- und auskehren kann. Vielmehr stellt die Seele schlicht den individuellen Ausdruck einer materiellen Struktur dar, sie ergibt sich quasi aus der Partitur des Gehirns. Wie Musik auf einem Instrument oder einem vergleichbaren Gerät gespielt werden muss, weil es sonst eben keine Musik gibt.Ginge es nach dem prominentesten aller Religionskritiker unter den lebenden Wissenschaftlern, dann wäre die Idee von der Auferstehung – wie auch manch andere religiöse Skurrilität – ein für alle Mal aus der Welt. Der britische Biologe Richard Dawkins jedenfalls meint, zum letzten Mal sei es für einen gebildeten Menschen im 19. Jahrhundert möglich gewesen, an Wunder wie die Jungfrauengeburt zu glauben, ohne dass es peinlich wurde. Aber heute? „Hakt man genauer nach, sind viele Christen auch heute noch so loyal, dass sie ... die Auferstehung nicht leugnen wollen.“ Andererseits sei es ihnen aber durchaus peinlich, denn mit ihrem rationalen Verstand wüssten sie, dass das absurd sei.Ja, der rationale Verstand. Dawkins hält die Leistungsfähigkeit des menschlichen Hirns für den wichtigsten Grund, nicht an ein Leben nach dem Tod (im Paradies), eine Wiedergeburt (als Mensch oder Tier) oder Auferstehung in situ (als Selbst) zu glauben. In der Tat hofft laut GfK-Studie nur noch jeder Dritte auf eine Auferstehung nach dem biblisch-christlichen Modell. Und doch sagt jeder Zweite: irgendwie geht es weiter.Warum ist das so, wenn wir Menschen es wegen unserer großartigen Hirne doch angeblich besser wissen? Die Antwort: Wegen unserer großartigen Gehirne! So untrennbar sie auch mit dem verbunden sein mögen, was wir Seele nennen, und so unwahrscheinlich eine Auferstehung im klassischen Sinn deshalb ist, so unweigerlich verdammt uns die Komplexität unseres Denkorgans offenbar zur Projektion. Sicher, nicht nur der Mensch kann sich erinnern und daraus schlussfolgern – auch Menschenaffen haben hier schon gewisse Fähigkeiten. Zum Beispiel, wenn sich ein rangniedriger Affe mit dem Weibchen eines ranghöheren zum Liebesspiel davonstiehlt und das Weibchen dem Männchen während des Aktes schon mal den Mund zuhält, damit keiner etwas mitkriegt. Das nennt man dann vorausschauendes Denken. Aber die einzigartige Größe und Architektur des menschlichen Gehirns verleiht dem Menschen die Fähigkeit, viel weiter in die Zukunft zu denken, und auch das Vermögen, die zugehörigen Gefühle vorwegzunehmen. Die Prüfung, der Zahnarzttermin – schon der Gedanke daran kann Ängste schüren, Bauchschmerzen verursachen, Übersprungshandlungen provozieren. Doch zum Glück geht das Leben danach ja weiter. Auch das wissen wir, und das lässt uns hoffen. Mit dem Tod aber soll alles zu Ende sein. Schluss. Aus. Vorbei.Einfach immer weiter denkenWas macht unser Gehirn nun also mit dem Tod? Es tut dasselbe wie immer: Es denkt weiter nach, über das, was entlang des Zeitstrahls vor uns passieren könnte. Unser Hirn kann das gut. Was es in den meisten Fällen weniger gut kann: die Endlichkeit der eigenen Gedanken fassen. Neuropsychologen wie der US-Forscher Antonio Damasio versuchen zwar, dem rational zu widersprechen, sogar einen Vorteil in der Idee des Sterbens zu sehen. „Die Endgültigkeit des Todes schärft unseren Blick für die Großartigkeit des geistbeseelten, menschlichen Lebens“, schreibt Damasio in Ich fühle, also bin ich. Das Bewusstsein allerdings, Damasios Forschungsfeld und offensichtlich auch sein Mittel der Wahl, um gar nicht erst mythischem Unsinn anheimzufallen, das Bewusstsein also ist genau jener Teil des menschlichen Geistes, der den Glauben an eine Auferstehung erst notwendig macht. Damasio beschreibt den Zusammenhang selbst treffend: „Bewusstsein beginnt, wenn Gehirne das Vermögen erwerben ... eine Geschichte ohne Worte zu erzählen, die Geschichte, die davon handelt, dass das Leben in einem Organismus vergeht.“ Umgekehrt bedeutet das: Wäre uns weder bewusst, dass das Leben vergeht, noch, dass wir selbst dieses Ende nicht widerrufen können, dann bräuchten wir auch keine Perspektive für die Zeit danach.Tatsache aber ist: Der Mensch hat Bewusstsein, also fürchtet er die Endlichkeit, er braucht Hoffnung, er hat Angst, dass etwas verloren geht: Ideen, Ideologien, lieb gewonnene Dinge und Menschen, er selbst eingeschlossen. Was er heute nicht mehr zwangsläufig braucht, um sich eine Form der Auferstehung zu wünschen, ist eine Religion, jedenfalls keine im herkömmlichen Sinn. Erkennbar wird das ausgerechnet in der Wissenschaft selbst, deren Wortführer – wie Richard Dawkins – sich einerseits zwar vehement gegen religiöse Ansichten positionieren, mit ihren Forschungsarbeiten aber andererseits eine neue Art der Rückkehr in Aussicht stellen. Eine, die nicht mehr an einer ungreifbaren Seele hängt, sondern an biologischem, stets verfügbarem Material.Und dann stand da ein SchafAm Anfang des Endes dieses Weges der Auferstehung steht ein Schaf. Dolly wurde vor 14 Jahren aus der Hautzelle ihrer Vorlage geklont, und nur sieben Jahre später hieß es, man habe menschliche Embryonen auf dieselbe Art erzeugt – was zunächst zu heftigen Ethikdebatten führte, und sich dann als Betrug herausstellte. Aber die Idee ist weiter in der Welt. Biomediziner lernen derzeit, wie sie aus ausgeleiertem Gewebe wieder neue, entwicklungsfreudige Zellen machen können. Genetiker entziffern das Erbgut von immer mehr Arten – gerade kam der nicht so richtig nah mit uns verwandte Perigord-Trüffel dazu.Stürbe der mal aus, wäre seine Auferstehung sicher abgemachte Sache, sofern die notwendigen Techniken bis dahin zur Verfügung stünden. Ob sie das aber jemals tun werden? Wenn ja, bekäme vielleicht auch der Urmensch von Denisova noch eine anständige Chance – auch wenn derlei nach derzeitigem Stand der Dinge an das grenzte, was die Auferstehung Jesu Christi einmal dargestellt hat: ein Wunder.