Konrad Freiberg treibt die Angst: „Die Atompolitik ist das jüngste Beispiel dafür, wie sehr sich die Politik von Bürgerinnen und Bürgern abzusetzen scheint“. Diese Einschätzung stammt nicht von Greenpeace, nicht von der Opposition und auch nicht von den Atomgegnern. Diese Einschätzung kommt von der Polizei. „Die Verlässlichkeit in politische Entscheidungen scheint einer zu großen Nähe zur Wirtschaftslobby gewichen zu sein“, sagt Freiberg, immerhin Chef der Polizeigewerkschaft GdP.
Anfang November rollt der nächste Castor ins niedersächsische Gorleben. Und die Polizei fürchtet, dass es dieses Mal so schlimm wird wie nie zuvor. „Es ist keine allzu gewagte Prognose, dass sich die zunehmende Protestbereits
estbereitschaft immer stärker und öfter auf die Straße verlagern wird“, sagt Freiberg, „die Polizei wird zunehmend als Puffer zwischen Politik und Gesellschaft missbraucht.“Symbol des ProtestsAuf Seiten der Atomgegner dürften derlei Äußerungen Vorfreude wecken. „Die Proteste gegen den diesjährigen Castor-Transport werden so massiv ausfallen, wie seit den 90er Jahren nicht mehr“, prophezeit Christoph Bautz, Geschäftsführer des Kampagnen-Netzwerks Campact. Rein strategisch gesehen seien die Castortransporte für eine Protestbewegung ideal: „Hier wird gegenständlich, was im Lebensalltag der allermeisten Menschen keine Rolle spielt: Atomkraft ist gefährlich“. Die Unverfrorenheit vieler Politiker in der Laufzeitdebatte habe die Menschen schockiert. Und schockierte Menschen lassen sich nun einmal leichter mobilisieren als unbeeindruckte.„Seit Jahrzehnten wurde kein Gramm Atommüll sicher entsorgt“, sagt Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation Ausgestrahlt. „Den Politikern ist vollkommen klar, dass es keine Endlager-Lösung gibt“, sagt Stay. Dies sei eine Hypothek, die auf die kommenden Generationen übertragen werde. Gorleben sei als möglicher Standort für ein Endlager vor allem aus politischen Gründen gewählt worden.„Ton oder Granit würde sich besser eignen als Salz“, sagt Christoph Bautz. Finnland und Schweden bauen ihr Endlager in Granit, die Schweiz, Frankreich und Belgien favorisieren Tonschichten. Ton und Granit findet sich vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, das Schweizer Endlager soll direkt an der Grenze zu Baden-Württemberg entstehen, weil dort die geeignetste Gesteinsformation vermutet wird. „In Deutschland aber wird nach besseren Standorten gar nicht gesucht“, sagt Bautz. Er wirft dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Stefan Mappus, Scheinheiligkeit vor: „Mappus will zwar längere Atom-Laufzeiten, aber kein Endlager in seinem Bundesland.“Um den Castor-Transport zu blockieren will die bundesweite Kampagne „Castor schottern“ in diesem Jahr nicht nur vereinzelt Steine aus dem Gleisbett entfernen, sondern in einer Massenaktion die Schienen unsicher und damit unbefahrbar machen – was illegal wäre. Pläne wie diese dürften die Befürchtungen des Polizeigewerkschafter Konrad Freiberg schüren: Viele Aktivisten sind bereit, für ihren Protest vor Gericht gestellt zu werden. „Gorleben ist das Symbol für die Anti-AKW-Bewegung“, sagt Jochen Stay. „Seit 33 Jahren tobt hier die Auseinandersetzung um die Endlagerfrage.“Eigentümer bedrohtAlte und Junge, Einheimische und Zugereiste, Konservative und Linke – wenn die Castoren rollen wird das beschauliche Wendland zu einer Bühne des Widerstandes. Schon beim letzten Transport im Jahr 2008 fanden 16.000 Menschen im Wendland eine perfekt organisierte Protest-Infrastruktur vor. Mit knapp 52.000 Einwohnern ist der Landkreis Lüchow-Dannenberg immer noch der kleinste in Deutschland. Wenn aber die SMS-Verteiler und Mailinglisten der Aktivisten zu den Castor-Tagen rufen, brodeln dort die Volksküchen, es gibt Pressezentren, Camps mit fließendem Wasser und Toiletten.Direkt neben dem geplanten Endlager pflegt der Förster Ulrich von Mirbach die Wälder des Grafen Andreas von Bernstorff. Er sei ein Konservativer im klassischen Sinne, sagt von Mirbach. „Genau deshalb bin ich gegen die Atomkraft“. An der Hauswand steht: „Wo Unrecht herrscht, wird Widerstand zur Pflicht“. Der Bio-Bauer Klaus-Bernd Meyer wiederum hat sich den Castor-Termin in den Erntekalender eingetragen. Und Sebastian Madsen, Sänger der Band Madsen sagt: „Unser Beitrag als Band könnte sein, durch Konzerte jene von den Computern wegzuholen, die den Castortransport bloß über Facebook verfolgen, statt endlich selbst auf die Straße zu gehen.Auch die Evangelische Kirche hat Widerstand angekündigt. „Wir werden uns das nicht einfach gefallen lassen“, sagt Stephan Wichert von Holten, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Lüchow-Dannenberg. Es geht um die geplante Grundstücksenteignung am Salzstock in Gorleben. Weil sich die Kirche und der Waldbesitzer Graf von Bernstorff seit 20 Jahren weigern, dem Bund Rechte für die Erkundung des Salzstocks Gorleben abzutreten, konnte bislang nur eine Hälfte des Salzstocks untersucht werden.Deshalb plant die schwarz-gelbe Bundesregierung nun das Atomgesetz so umzuändern, dass künftig Enteignungen möglich sein sollen. „Bei derzeitiger Rechtslage könnte die Weigerung nur eines einzigen Grundstücksinhabers dazu führen, dass die Erkundung nicht im erforderlichen Ausmaß vorgenommen werden kann“, sagt eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums. Rot-Grün hatte die Enteignungsvorschriften 2002 aus dem Atomgesetz gestrichen. Jetzt sollen sie also wieder aufgenommen werden. Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg versteht das als eindeutiges Zeichen: „Wenn Enteignungen eingeplant werden, zeigt das, dass die Bundesregierung den Sack zumachen will.“