Benedikt XVI. Nett? Kauzig? Unwichtig? Unbelehrbar? Ein Mann, der den Rückwärtsgang in die Vormoderne einlegen will? Sechs Thesen von Robert Misik zum Papstbesuch
Jetzt ist er da, der Papst. Und anders als bei früheren Besuchen, etwa dem Kölner Weltjugendtreffen, will selbst bei gläubigen Katholiken keine allzu große Euphorie aufkommen. Im Gegenteil. Gerade unter Kirchenanhängern sehen viele in Pontifex Ratzinger den verstockten Alten, der sich Reformen verweigert und die Aufklärung von Skandalen verschleppt. Und den anderen, die mit dieser katholischen Kirche ohnehin nichts am Hut haben? Denen ist der Papst reichlich wurscht. Die Stimmung lässt sich salopp also so beschreiben: Ein Besuch, den keiner will. Aber das wäre zu einfach. Hier einige unaufgeregte Thesen zum Papstbesuch.
I Lasst den Kerl seine Meinung sagen! Ist ja nur eine unter vielen
Dass Papst Benedikt XVI. im Bundestag spricht, sehen einige Dutzend
ehen einige Dutzend Abgeordnete als protestwürdig. Weil sie finden, dass das zu viel des Privilegs ist; weil sie finden, dass ein Mann, der altmodische Ansichten zur Rolle der Frau hat, hier nicht reden soll; dass ein Kirchenfürst, der in seinem Reich eine absolute Herrschaft führt, in einem demokratischen Parlament nichts verloren hat. Und diese Kritiker haben natürlich mit vielem recht. Allein, dass Benedikt nur deshalb im Parlament reden darf, weil er protokollarisch als „Staatsoberhaupt“ (des Vatikans nämlich) durchgeht, hat etwas Schlüpfrig-Hintertürmäßiges. Denn faktisch redet er als Chef einer Weltglaubensgemeinschaft. Und doch begibt er sich auch in eine Position, die er eigentlich nicht einnehmen will: Er formuliert Haltungen zu gesellschaftlichen Fragen, die mit anderen Haltungen in Konkurrenz treten. Insofern muss selbst der Papst eben doch den Pluralismus von Werthaltungen akzeptieren. In der Demokratie mit schwachen religiösen Banden und dem Nebeneinander verschiedener Glaubensrichtungen und auch von Ungläubigen und religiös Ungebundenen ist auch die katholische Kirche nicht mehr das, was sie eigentlich sein will: zentrale Instanz in Fragen der Lebensführung. De facto formuliert auch sie – und auch ihr Oberhaupt – nur eine unter vielen möglichen Positionen, die sich dem Meinungsstreit aussetzen muss. Und das ist ja dann wieder okay. Der Papst darf seine Meinung schon haben. Sie ist nur um nichts erhabener als die Meinung anderer. Wenn er die als Gast im Bundestag vorträgt, kann man natürlich sagen: Das darf nicht jeder. Stimmt schon. Deshalb hebt es mich vor Zorn aber auch nicht aus den Schuhen.II Böser Werterelativismus? So ein Blödsinn!Wenn der Papst in einer Demokratie seine Meinung sagen darf, dann darf man natürlich auch sagen, dass man seine Meinung für Schrott hält. Besonders seine Meinung in Hinblick auf sein zentrales Thema: den Kampf gegen den „Werterelativismus“. Damit hat Ratzinger ja zunächst auch bei nichtgläubigen Menschen einen Punkt gemacht. Denn viele finden, dass eine Kultur der Beliebigkeit eingezogen ist in unsere westlichen Gesellschaften, dass sich alles nur mehr um Geld oder Fun dreht. Und dann kam der Papst und sagte der „Diktatur des Relativismus“ den Kampf an, der „als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt“. Dabei meint Benedikt nicht einmal, dass unsere Gesellschaften „unmoralischer“ geworden sind, sondern dass die Moral gewissermaßen im Plural auftritt. Dass verschiedene Werthaltungen nebeneinander bestehen, es aber keine zentrale Instanz mehr gibt, die zwischen verschiedenen Ethiken entscheiden kann. Kampf gegen Werterelativismus, so wie der Papst das versteht, heißt im Grunde: Unsere Moral ist moralisch, die der anderen ist gefährlich relativ; dass die einen die Moral gepachtet haben, während die anderen im Lager des Relativismus stehen – und damit mit einem Bein in der Hölle. Und das ist natürlich Quatsch: Der Werterelativismus ist, wie der italienische Philosoph Paulo Flores d’Arcais formulierte, „die Basis für einen ethischen Pluralismus, ohne den demokratische Gesellschaften nicht existieren können“. Aber im Kampf gegen den Werterelativismus offenbart sich die ganze „Unmöglichkeit“ der Ratzingerschen Position: Einerseits will seine Kirche Stimme in der pluralistischen Gesellschaft sein, andererseits dementiert sie immer diesen Pluralismus, indem sie sich als Stimme mit privilegiertem Zugang zur Wahrheit darstellt.III Er soll nicht glauben, dass er seine Moralvorstellungen anderen aufzwingen kannBenedikt und seine Kirche formulieren Moralvorstellungen in Hinblick auf Sexualleben, Ehe oder Homosexualität. Die dürfen sie schon haben. Aber sie wollen diese Moralvorstellungen auch anderen aufzwingen. Und das ist schon weniger in Ordnung. Wenngleich man auch hier einschränken muss: Es ist prinzipiell nichts dagegen zu sagen, wenn man versucht, andere von seinen Moralvorstellungen zu überzeugen, und der Meinung ist, dass eine Gesellschaft besser funktionieren würde, wenn die eigenen Moralvorstellungen von anderen übernommen würden. Denn nicht nur die Kirche, sondern letztendlich alle Menschen, die eine bestimmte Ethik der Lebensführung haben, sind der Meinung, dass diese Ethik auch für andere Menschen gut wäre, wenn sie sie teilen würden. Niemand würde formulieren: Ich finde es schlecht, Kinder zu schlagen, aber im Rahmen eines Pluralismus der Lebensführungen ist es okay, wenn ein anderer seine Kinder schlägt. Und das gilt nicht nur, weil die Kinder die Leidtragenden sind. Man würde diese Meinung auch vertreten, wenn nur derjenige, der sein Leben auf falsche Weise führt, der alleinige Leidtragende wäre. Aber eben nur bis zu einem gewissen Grad, der heute selbst Teil der pluralistischen Moral einer Gesellschaft geworden ist, der lautet: Leben und leben lassen. Unterschiedliche Lebensentwürfe werden heute längst instinktiv geachtet, wenn der, der sie lebt, damit glücklich ist und niemand anderen damit in Mitleidenschaft zieht. Auch das wäre jedoch für Herrn Ratzinger Relativismus.IV Wie die Kirche intern funktioniert, ist ihre eigene SacheVieles, was dem Papst an Kritik entgegenschlägt, bezieht sich aber heute auf das interne Regime der Kirche. Es geht um den Zölibat und die Rolle der Frau – beziehungsweise ihre „Nicht-Rolle“ in der katholischen Kirchenhierarchie – und die Folgen, die das für die Kirche selbst hat: Abwendung der Gläubigen, Kirchenaustritt, die verkrüppelte Sexualität von Priestern und Ordensangehörigen, die Missbrauchsskandale. Sehr viele Katholiken regen sich über all das auf, aber auch viele Nicht-Katholiken, die Zeitungen sind voll mit all dem. Dabei geht das, sofern es sich nicht um Verbrechen handelt – wie etwa den Missbrauch –, eigentlich nur die Katholiken etwas an. Ich beispielsweise, als Atheist und Nichtmitglied irgendeiner Glaubensgemeinschaft, habe nie verstanden, warum ich mich über den Zölibat und die untergeordnete Rolle der Frau in der Kirche erregen soll. Das ist das Problem der Kirche und ihrer Angehörigen. Wem es nicht passt, der kann diese Kirche ja verlassen. Wer das nicht will, der kann ja innerhalb der Kirche dafür kämpfen, dass das geändert wird. Aber mich geht das im Grunde nichts an. Ich finde es eher anstrengend, dass wir Nichtkatholiken dauernd mit Berichten über die internen Probleme dieses Ladens belästigt werden.V Die Rede vom „christlichen Europa“ ist zu einem Kampfbegriff gewordenDer Papst spricht gerne vom „christlichen Europa“ und betont dabei die Bedeutung des Christentums und der griechischen Philosophie für die Geschichte des Kontinents. Fortschrittlichere Katholiken würden vielleicht stärker die „judeo-christlichen“ Grundlagen Europas betonen, um mehr Gewicht auf die rebellischen Traditionen der jüdischen Propheten zu legen, die gegen die Obrigkeit wetterten. Egal, es ist jedenfalls modern geworden, von der christlichen Grundierung unseres Kontinents zu sprechen. Was aber nicht übersehen werden darf: Wer in den achtziger oder neunziger Jahren so gesprochen hat, der hat vielleicht nur eine nüchtern-ideengeschichtliche Analyse vorgetragen, um die philosophischen Prozesse zu beschreiben, die dann auch in Aufklärung, Kirchenkritik und Moderne gemündet sind. Aber heute ist die Rede vom christlichen Europa zu einem Kampfbegriff geworden. Weil angesichts von ethnischer Vielfalt in Europa selbst, aber auch wegen der Globalisierung religiöse Identitäten wieder bedeutender werden (oder weil es den Anschein hat, sie würden bedeutender), zieht neue Aggressivität ein. Motto: „Wir Christen“ gegen „die Moslems“. Mal sieht man sich bedroht vom Islam, mal ist man auch beeindruckt von der anscheinenden Glaubensstärke frommer Moslems. Von der Art: Schön, wenn unsere Leute auch so wären. Und dann sieht man das christliche Europa als Bollwerk gegen den Islam. Aber das verkompliziert die Konflikte nur, die mit religiöser und ethnischer Vielfalt einhergehen.VI Gott schütze uns vor der Rückkehr der Religionen!Noch vor Kurzem schien ausgemacht, dass die Säkularisierung unaufhaltsam sei. So prophezeite der Religionssoziologe Peter Berger Anfang der siebziger Jahre: „Im 21. Jahrhundert werden sich religiöse Gläubige wahrscheinlich nur noch in kleinen Sekten finden, aneinandergekuschelt, um einer weltweiten säkularen Kultur zu widerstehen“. Nun, es kam anders. Die Kirchen platzen zwar nicht gerade aus allen Nähten, aber verschwunden ist religiöses Bewusstsein nicht. Stattdessen wird sogar eine „Renaissance der Religionen“ ausgerufen. Aber ist das gut in ethnisch und religiös vielfältigen Gesellschaften, wenn die Religionen wieder in den Vordergrund drängen? Nein, wir brauchen eher mehr Säkularisierung als weniger, gerade weil die Privilegierung einzelner Religionen nicht mehr begründet werden kann. Jeder darf glauben, privat, wozu er lustig ist. Aber er soll bitte andere nicht damit belästigen.