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Heute vor siebzig Jahren starb der große Journalist und Romancier Joseph Roth. Er hat nichts, aber wirklich nichts an Aktualität eingebüßt. Heute wäre er ein Blogger

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./resolveuid/0d7e2ae0571bc96c44c684a70b4701cb/image_previewEs ist ja – der Fall Kurras und seine Folgen für '68 sind schuld - gerade ein beliebtes Spiel, zu fragen, was wäre, wenn ... In der Wissenschaft nennt man das "virtuelle Geschichte" (siehe den Artikel von Christian Jäger im Freitag, der morgen am Kiosk ist). Spielen wir ein wenig mit. Was wäre also, wenn Joseph Roth durch eine großartige, unfassbare metaphysische Wendung der Geschichte wieder unter uns wäre? Er würde, soviel kann man sicher sagen, bloggen. Allerdings wäre Blogger Roth keiner von denen, die primär über die anderen Blogger schreiben, die Blogosphäre insgesamt wäre ihm recht egal. Nein, er würde etwas Seltenes tun: er würde über die Welt da draußen berichten.

Wie vor fast hundert Jahren würde er wieder aufbrechen und beobachten und Erfahrungen sammeln und sich verlieren, wäre in Frankreich, Italien, ach, hören wir auf, in ganz Europa, in seinen Zentren und an seinen Rändern. Gerade an seinen Rändern, denn, von dort, aus Brody, heute Ukraine, kam er her, aber heute wären es nicht mehr die Ostjuden, denen seine berührendsten Texte gälten, sondern, wer weiß, vielleicht die Sinti und Roma.

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Das Bloggen käme seinem Stil entgegen. Sentimental und scharf zugleich, nüchtern und doch unendlich poetisch. Eine Welt in einem Satz. Nur ein Beispiel: "Die Häuser haben sich hier verfangen." Schrieb er über Tournon. Mehr muss man nicht sagen.

Liebe und Hass

Und es würde ihm gefallen, dass man sich im Netz maskieren kann. Nicht, dass er unter Tarnnamen schriebe wie sein Kollege Kurt Tucholsky, kein Theobald Tiger, das fände er albern, sondern immer "Ich, Joseph Roth", aber in tausend Facetten. Es ist ja bekannt: Roth, der Schillernde, Vieldeutige, keine Aussage von ihm, die nicht sein Gegenteil fände, nichts, wozu er nicht herangezogen werden kann. Für die Revolution ebenso wie für die der Reaktion, vermutlich war er ein rindfleischvernarrter Veganer, sogar als Musterblogger muss er in diesem Text herhalten, der Arme. Der Arme? Immerhin galt er damals als der bestbezahlteste Journalist Deutschlands.

Klar, für sein Leben in Hotels (woanders kann er nicht existieren) bräuchte er Geld, vielleicht wäre er einer der erste deutschsprachigen Blogger, der von seiner Tätigkeit leben könnte. Aber wahrscheinlicher wäre doch, dass die Büchern ihn nährten und die Verfilmungen dieser Bücher. Und so würde er wieder einmal zu seinem Verleger nach Amsterdam reisen, und dann weiter nach Ostende, wo er sich in eine Frau verliebte, so eine wie die Autorin Irmgard Keun, und es würde nicht gut gehen.

Und man würde anfangen, sich ein wenig über seine Ansichten zu wundern. Er hat ja nie nur berichtet, er wusste schon auch mitzuteilen, was er liebt und was er hasst. Von den Nazis wäre er diesmal zwar verschont geblieben, und seine geliebte Donaumonarchie ist von der Geschichte derart gründlich erledigt worden, dass sogar er sie vergessen hätte, aber etwas anderes wäre da, vielleicht würde er den Papst loben, oder die israelischen Neokonservativen für ein Glück halten.

Dann würden die Einträge in seinem Blog immer weniger. Erst würde seine Leser noch hoffen, dass er an einem großen Werk schreibt, an einem neuen Raddezkymarsch quasi, aber langsam würde sich herumsprechen, dass er sich im Café Le Tournon zu Tode säuft, und nichts und niemand könnte ihn daran hindern, auch kein Internet und keine noch so virtuelle Geschichtsschreibung. Joseph Roth starb am 27. Mai 1939 in Paris.

Alle Fotos: AKG-Images
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