Fred Vargas heißt eigentlich Frédérique Andoin-Rouzeau und ist von Hause aus Archäologin und Historikerin. Sie hat das wahrhaftig reichbestückte Feld des Kriminalromans um einige geniale Erfindungen bereichert. Dazu gehören die Figuren ihrer Detektive: Ex-Inspektor Kehlweiler mit seinen Helfern, den drei „Evangelisten“ und vor allem Kommissar Adamsberg, der in Vargas’ neuem Roman ermittelt. Während der deutsche Titel, Die Nacht des Zorns, allgemein bleibt, greift der Originaltitel L’Armée furieuse das Hauptmotiv auf.
Ein weiteres Markenzeichen der Autorin ist das ironische Spiel mit den Mustern des Genres, es beginnt gleich zu Anfang. Kommissar Adamsberg kommt von der Vernehmung eines Mordverdächtigen. In einem Café g
htigen. In einem Café gegenüber der Brigade trifft er sich mit einem Freund und ehemaligen Kollegen, der ihm im letzten Roman das Leben gerettet hatte und nun wohl „von neuem in den Ring steigt“. Während ihres Gesprächs beobachten die beiden auf der Straße „eine schmächtige kleine Frau, adrett gekleidet mit einer geblümten Bluse, einer, wie man sie in Geschäften in Paris nicht findet.“Im Gefolge der GeisterarmeeMan fühlt sich an den Quai d’Orsay oder davor an die Wohnung in der Baker Street erinnert, wo die Kriminalfälle ihren Anfang nahmen, immer unscheinbar und zugleich doch signifikant. Auch hier wird gleich klar: Ein neuer Fall beginnt und die Geschichte wird wohl nicht nur in Paris spielen. Was die Frau in der geblümten Bluse dem Kommissar zu erzählen hat, führt in phantastische Regionen, jedoch ohne sich in den spektakulären Horrorszenarien zu verlieren, die der skandinavische Kriminalroman so anhaltend etabliert hat. Ein Mann aus der Nachbarschaft sei seit Tagen verschwunden, ein übler Bursche, ein Wilderer und Tierquäler, erzählt die Zeugin. Sie fürchtet und verachtet ihn, so wie die meisten Bewohner von Ordebec, einer Kleinstadt in der Normandie, aus der sie kommt. Das Gespräch, immer wieder unterbrochen, schleppt sich hin. Dann die unerwartete Wendung: Der Verschwundene sei tot, behauptet sie. Oder er werde noch getötet. Ihre Tochter habe ihn in der Nacht noch gesehen. Dabei sei er im Gefolge des „Wütendes Heeres“ gewesen, einer Geisterarmee, die laut mittelalterlicher Chronik seit Ende des 11. Jahrhunderts im Wald von Ordebec ihr Unwesen treibe. Für all jene, die im Geisterheer mitliefen, bedeutete das den sicheren Tod. Neben dem Vermissten habe ihre Tochter noch drei weitere Mitbürger im gespenstischen Zuge erkannt. Nun fürchtet die Mutter um die Sicherheit der Familie. Schon einmal sei der Überlieferung nach der Unglücksbote zum Opfer der aufgebrachten Menge geworden.Mehr Künstler als DetektivDer Knoten ist geschürzt, doch der Vargas-Leser weiß: das gilt nur für die Hauptgeschichte. Sie wird flankiert oder durchflochten von größeren und kleineren Parallelgeschichten: einem Mord im Rentnermilieu, bei dem Brotkrümel als Tatwaffe dienten; der Rettung einer fast zu Tode gequälten Taube; einem Mordfall in der Pariser High Society oder der Liebesgeschichte eines achtzigjährigen Grafen. Inmitten des Geflechts von Ereignissen und Affären bewegt sich jener Kommissar Adamsberg, der wie ein Fremdling unter seinesgleichen wirkt. Anderen und oft genug sich selbst ist er ein Rätsel, doch genauso begabt. Seine intuitiven Fähigkeiten machen ihn mehr zum Künstler als zum Polizeidetektiv. Eine „unbegreifliche Anziehungskraft“ wirkt der neue Fall auf ihn aus, „wie aus Urgründen emporgestiegen“.Etwas Verstecktes, Unheimliches, weit zurückliegend, gibt den Treibstoff der aktuellen Mordgeschichte: der Zusammenstoß von Menschen- und Geisterwelt, die Verbindung von Untoten und Lebenden, jene Alptraumatmosphäre, die über dem normannischen Ordebec liegt. Das alles sind romantische Motive. Doch die Erzählerin benutzt sie als Metaphern für das Ur-Verbrechen. Dessen Spuren ziehen sich durch die Geschichte, vom Mittelalter bis in die Gegenwart ziehen. Es ist das Böse als Prinzip, das Adamsberg so fasziniert. Daher bevorzugt er die Perspektive des Beobachters, der sich hartnäckig kontemplativ in das Ereignis vertieft.Der Denker Saint-Martin hatte die Geschichte als Kriminalmythologie gedeutet. Deren Spuren verfolgt auch Adamsberg auf seine Weise, Polizeimethoden reichen dafür nicht aus: „Er ging aus dem Raum… Er wusste, dass er ganz plötzlich versteinert gewesen war, unbeweglich…, dass er etwa fünf, sechs Minuten der Konferenz gar nicht mitbekommen hatte. Warum, hätte er nicht sagen können, und das herauszufinden, lief er jetzt durch die Straßen. Nicht, dass diese schlagartige Geistesabwesenheit ihn beunruhigt hätte, schließlich hatte er sie schon öfter erlebt.“ Mehr als eine Stunde läuft Adamsberg umher, setzt sich dann auf eine Bank, nimmt die Hände vors Gesicht, hebt die Arme, presst die Knie zusammen und hält „mit seiner Handbewegung inne. Da war sie, die Perle, hell schimmernd in der Felsspalte. Die Tür, die er nicht geschlossen hatte. Fünfzehn Minuten später stand er ganz langsam auf, um seine erst schwach ausgeformten Empfindungen nicht zu verscheuchen.“ Hier verhält sich der Detektiv wie ein Künstler, der die träge Natur der Inspiration kennt, und weiß, dass er warten und seinen Geist von allem Störenden befreien muss, wenn er den Augenblick der Wahrheit nicht verpassen will.Bis in die nervösen Krisen hinein, die geistigen Abwesenheiten, die Wellenbewegungen der Träume hat Fred Vargas ihren Kommissar nach dem Bilde des Künstlers geformt. Am Ende steht zwar die Aufklärung des rätselhaften Falles, aber nicht als „Aufkläricht“, sondern als die Klarheit des Schönen, das im Bild der Perle aufscheint.