Junge Palästinenser sammeln sich im Internet oder benutzen Hip-Hop, um sich sowohl gegen die israelische Blockade als auch die starke Dominanz der Hamas zu wehren
Wenn die Bomben fallen, geht Ebaa Rezeq online. Draußen am Nachthimmel über Gaza-City durchbrechen die israelischen F-16-Jets die Schallmauer. Dann folgen die Einschläge. Irgendwo in ihrer Stadt zerbirst Beton, splittert Glas, werden Menschen getroffen, ein Trommelfeuer der Detonationen. Die 21-jährige Studentin der Politikwissenschaft twittert dann, um mitzuteilen, wie sehr sie sich freut über die israelische Zur-Nacht-Sinfonie. Je mehr Bomben fallen, desto böser und schriller werden ihre Witze, die sie hinaus in den Cyberspace schickt. Rezeq fühlt sich in solchen Nächten wie aufgesogen vom Internet. „Ich stehe neben mir und bin nur noch ein biologischer Anhang meines Laptops. Wie ein Roboter, dem die Bomben nichts anhaben können.“
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0;Der ebenfalls 21-jährige Azeez El Sakka setzt bei einem Luftangriff die Kopfhörer auf und dreht seine Anlage auf. Eminem rappt vom Überleben im Getto, und Azeez fühlt sich verstanden. Manchmal singt er gegen den Kriegslärm mit seinem eigenen Rap an. Er ist dann ganz Black Soul – ein junger Rapper aus Gaza. Seinen Bruder Tawfik, der mit ihm im Zimmer schläft, stört der Gesang genauso wenig wie die Detonationen. Er ist seit dem letzten Einmarsch der israelischen Armee in den Gazastreifen taub. Die Operation Gegossenes Blei begann am 27. Dezember 2008, endete am 18. Januar 2009 und forderte mehr als 1.400 Menschenleben.Auch nach Bombennächten dämmert der nächste Morgen. Ebaa Rezeq und Azeez El Sakka packen dann wie an den übrigen Tagen ihre Taschen für die Al-Azhar-Universität in Gaza-City. Nach den Vorlesungen trennen sich ihre Wege. Azeez El Sakka besucht, so oft es geht, das Studio seines Hip-Hop-Lehrers Ayman Jamal Mghames, eines Veteranen der Rapper-Szene in Gaza. Ebaa Rezeq macht sich auf ins Kaffeehaus Mazadj. Das im Lounge-Stil eingerichtete Bistro gilt als Treffpunkt der Jugend und Liebespaare. Bei Latte Macchiato und Pistazien-Eis wird an diesem Ort geduldet, was sonst in ganz Gaza undenkbar erscheint: Händchen-Halten und Kritik an der Hamas. Der Laptop, der Ebaa Rezeq – auf der Suche nach einer Wi-Fi-Zone – überallhin begleitet, liegt aufgeklappt auf dem Tisch. Über Twitter hält sie sich über das neue Parlament, die Konfrontationen und Konflikte im Nachbarland Ägypten auf dem Laufenden. Die Wahlsieger dort – die Muslim-Brüder – sind in ihren Augen für die Hamas mehr als nur Brüder im Geiste.Seit den teils bewaffneten Zusammenstößen mit der Fatah im Juni 2007, als es um die Macht und die Administration für die gesamte Autonomieregion ging, herrscht die Hamas-Führung im Gazastreifen allein. Sie hatte im Januar 2006 palästinensische Wahlen mit absoluter Mehrheit gewonnen und wollte auf ihren Regierungsanspruch nicht verzichten. Israel reagierte auf diese Beharrlichkeit im September 2007, indem die Abschottung des Gazastreifens nicht nur aufrechterhalten, sondern dessen Territorium zum „feindlichen Gebiet“ erklärt wurde. Ebaa Rezeq glaubt, die Hamas sei unter diesen Umständen längst zum reinen Befehlsempfänger der ägyptischen Muslim-Bruderschaft geworden.Vor mehr als einem Jahr bekam die unabhängige palästinensische Jugendbewegung Sharek zu spüren, was es bedeuten kann, etablierte Autoritäten herauszufordern. Weil es die Hamas als unpassend und unislamisch empfand, dass Sharek für vom Krieg traumatisierte Palästinenser Töpferkurse veranstaltete, stürmte die Polizei am 30. November 2010 ein Zentrum der Organisation in Gaza-City. Die Besetzung sei zur Initialzündung für Jugendproteste gegen die anmaßende Dominanz der Hamas geworden, erzählt Rezeq. „Wir waren es gewohnt, von den Israelis angegriffen zu werden, aber dass es unsere eigenen Leute taten, konnten wir nicht ertragen.“Für den Rest bleibt nichtsEnde 2010 trafen sich Freunde von Ebaa Rezeq, nahmen ihre Laptops mit ins Kaffeehaus und stellten einen Text ins Netz, dem es nicht an drastischem, wütendem Vokabular fehlte. „Fuck the Hamas“, lauteten die ersten Worte, gefolgt von einer Aufzählung sämtlicher Akteure des Nahost-Konflikts, von Israel bis zur säkularen Fatah hinter Präsident Mahmud Abbas, denen ein ebensolcher Fluch galt wie den regierenden Islamisten von Gaza. Kurz danach – in Tunesien begann gerade die Jasmin-Revolution – setzte das Manifest des Gaza Youth Breakout (GYBO) ein unverfrorenes Signal für den Willen zum Aufruhr, der in diesem Augenblick die arabische Welt erfasste.Am 15. März 2011 dann sollten die Palästinensergebiete so etwas wie ihren Arabischen Frühling erleben – im Gazastreifen und in der Westbank folgten Zehntausend junge Palästinenser dem über Facebook verbreiteten Aufruf, auf die Straße zu gehen. Sie wollten, dass Hamas und Fatah ihre Feindschaft begraben. Der seit 2007 tobende Parteienkampf zerreiße nicht nur Wohnviertel, sondern auch Familien. Er zwinge die Palästinenser, sich einer Fraktion anzuschließen, auch wenn sie nicht davon überzeugt seien. „Hamas und Fatah sind wie zwei Seiten einer Medaille. Sie haben das Land unter sich und ihren Anhängern aufgeteilt. Und für den Rest bleibt nichts übrig“, glaubt Ebaa Rezeq. Offiziell haben sich die gegnerischen Parteien inzwischen dem Willen der Straße gebeugt und Neuwahlen für Mitte 2012 ausgerufen.Den Jugendaktivisten reicht das nicht aus. Sie haben die Cliquenherrschaft satt, besonders die der Hamas. „Sie schnüren uns mit ihren Verboten die Luft ab, während uns die Bomben treffen als Vergeltung für die idiotischen Raketen, die sie auf Israel abfeuern. Dank Hamas denkt die ganze Welt, wir hätten alle irgendwo unseren Sprenggürtel versteckt“, entrüstet sich Ebaa Rezeq. Niemand hätte außerdem vergessen, dass die Hamas den Marsch vom 15. März mit Gewalt beendete. „Meine Freundin Smah Ahmed haben sie festgenommen und verprügelt. Jetzt ist sie in Kairo auf dem Tahrir-Platz.“Viele junge Palästinenser pendeln zwischen dem Gazastreifen und Ägypten und gehen damit ein großes Risiko ein. Werden sie in Kairo auf einer Kundgebungen verhaftet, müssen sie mit einem unbefristeten Einreiseverbot für Ägypten rechnen. Ihnen bliebe angesichts der israelischen Blockade keine Möglichkeit mehr, dem Gazastreifen zu entkommen, und sei es nur für Tage. Ebaa Rezeqs Freundin Smah Ahmed blieb diese Erfahrung nicht erspart. Sie wurde in Kairo mit der Begründung festgenommen, bei einem Protest gegen das Assad-Regime Bäume vor der syrischen Botschaft angezündet zu haben.„Scheitert die Revolution in Ägypten und sind dann wieder wie unter Präsident Mubarak die Grenzen dicht, sind wir weiter dazu verdammt, mit der Hamas und den israelischen Bombern zu leben“, meint Ebaa Rezeq. Dann habe man allein über das Internet noch einen Zugang zur Welt und bleibe ansonsten an ein Land gefesselt, in dem die Wege schnell an Betonmauern und Stacheldraht enden.Azeez El Sakka dreht am Regler, damit die Bässe dumpfer werden. Seine Reime gelten der Solidarität mit Palästina. Er hat sich dafür auf von der Hamas organisierten Kundgebungen eingesetzt und stand in Baggy-Hosen und Sweatshirt zwischen bärtigen Islamisten und streng blickenden Mitgliedern der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Sein Lehrer Ayman Jamal Mghames lehnt an der Wand des Studios, das mit seiner Styropor-Verkleidung an eine Gummizelle erinnert. Er ist stolz darauf, dass sich Azeez zu einem solchen Meeting wagt – „als ganz normaler Jugendlicher!“ Noch vor fünf Jahren wäre er vielleicht gesteinigt worden. Ein Witz ist das nicht.Als Präsident Mahmud Abbas 2005 den Gazastreifen besuchte, versuchte Ayman Jamal Mghames mit einigen Freunden, einen Begrüßungsrap aufzuführen. „Plötzlich kam ein Bärtiger und hat mir das Mikro aus der Hand genommen, und dann ging es los: ,Allahu Akbar‘, Allahu Akbar‘. Mehrere Hamas-Kämpfer mit grünen Stirnbändern stürmten die Bühne und hatten Pflastersteine in der Hand. Es war knapp.“ Seit den Protesten im März 2011 habe die Repression gegen die Hip-Hop-Szene wieder zugenommen, obwohl sich die Künstler bemühen würden, die Hamas-Regierung nicht zu provozieren. „Wir singen von der Freiheit unseres Landes – für die Hamas sind wir trotzdem Sünder“, meint Azeez El Sakka, „weil der Musikstil aus dem Westen kommt.“ Und weil Eminem und andere Idole der jungen Rapper aus Gaza nicht gerade dem entsprechen, was die Hamas unter islamischer Sitte und Moral versteht. Ayman Jamal Mghames zuckt mit den Schultern. Ihm ist das egal: „Mal sind die Raketen eine Sünde, die andere Milizen auf Israel abfeuern, mal sind sie Ausdruck von Heldentum. Je nachdem, wie es den Bärtigen passt.“ Außerdem sei Hip-Hop keine Musik der Amerikaner, sondern der Afro-Amerikaner in den USA. „Und wir sind die Schwarzen des Nahen Ostens.“Wie in Watte verpacktAzeez hat seinen Rapper-Namen Black Soul gewählt, weil es tief in ihm drinnen genauso ausgesehen habe, bevor er mit dem Hip-Hop anfing. „Hip-Hop ist mein Tramadol“, sagt er und lacht. Palästinensische Ärzte verteilten das Schmerzmittel an die vielen Verletzten und Amputierten nach dem Einmarsch der Israelis vor drei Jahren wie Aspirin. Heute verhilft das Medikament der Gaza-Jugend zu einem Rausch, in dem alles wie in Watte verpackt erscheint. „Meine Freunde nehmen Tramadol, die Leute an der Universität – fast alle, die ich kenne“, erzählt Ayman Jamal.Azeez El Sakka greift lieber zum Mikro oder haut in die Tasten seines Computers, wenn ihn die Albträume aus dem ewigen Krieg mit Israel plagen. Ebaa Rezeq geht in solchen Momenten online, ihr Tramadol ist das Internet. „Eigentlich bräuchte ich eine Therapie“, sagt sie und lacht verzweifelt. „Wie wir alle.“ In den vergangenen 20 Jahren hat ihre Generation alles erlebt. Blockade und Isolation, Krieg und Bürgerkrieg – nur keine Sicherheit. Während der Operation Gegossenes Blei saß die damals 19-Jährige über Wochen mit der Familie in ihrem Apartment fest. „Wir waren alle so bemüht, die Kinder zu schützen, und haben ihnen erzählt, draußen würden Luftballons zum Platzen gebracht.“ Wenn Ebaa Rezeq über ihre Erinnerungen und das Leben in Gaza spricht, gebraucht die zierliche junge Frau viele Kraftausdrücke. Wie ihre Freunde, die das Gaza-Youth-Breakout-Manifest verfasst haben. „Es ist einfach so ein herrliches Gefühl, endlich der ganzen Welt sagen zu können: Fuck You!“