Bildung in Deutschland – eine Klassenfrage. Sagen die Bildungsforscher. Also muss sich das Bürgertum fragen lassen: Welche Schule wollt Ihr? Anders als in anderen Ländern ist die Antwort auf diese Frage in Deutschland seit Jahren klar: das Gymnasium. Soweit die berühmten PISA-Studien die Bildungserfolge der Gesamtschulen kritisch beleuchten, wird das gern zitiert. Wenn jedoch dieselben Studien integrierte Schulen europaweit als erfolgreich feiern, setzt eine deutsche Schwerhörigkeit ein. So konzentriert sich die bildungspolitische Diskussion auf die Frage, was aus den Hauptschulen wird.
Über die Debatte aber, wie die Hauptschulen mit den Realschulen zu vereinigen seien, gerät aus dem Blick, dass sich im vergangenen Vierteljahrhundert die gesamte Schulland
Schullandschaft verändert hat. Auch das Gymnasium ist nicht mehr das, was es einmal war. Wie auch. Bildungspolitische Probleme haben ihre erste Ursache nicht in einem Versagen der Schule, sondern in den gesellschaftlichen Veränderungen, welche die hergebrachten Institutionen in allen Bereichen unter Druck gesetzt haben: Einwanderungsgesellschaft, Massenarbeitslosigkeit, Divergenz der Lebenslagen und Lebensentwürfe, Ausdifferenzierung der Berufe, die Herrschaft der Informationstechnologien. Wie sollten alle diese Veränderungen ausgerechnet an einer Schulform, dem Gymnasium, vorbeigehen?Es ist kein Geheimnis, dass die Abwehrschlacht, die das Bürgertum in den siebziger Jahren gegen die Gesamtschule als Regelschule führte, einige Gymnasien – Ironie oder Dialektik der Geschichte? – zu verdeckten Gesamtschulen werden ließ. Wo sollten all die Kinder hin, die sich für die Gesamtschule zu fein, fürs Gymnasium aber zu schwach waren? Sie kamen aufs Gymnasium und sorgten mit den Jahren dafür, dass manche Schule genauso viele Realschüler aufnahm wie die benachbarte und erfolgreiche Gesamtschule. Andererseits konnten etliche Gesamtschulen durch den Streik des Bürgertums gegen diese Schulform nie von der Grundvoraussetzung für ihren Erfolg profitieren, nämlich dass ein Drittel Gymnasiasten sie besucht und das Leistungsniveau hoch gehalten hätte.Das bildungspolitische Thema der sechziger Jahre war die Unfähigkeit der Gesellschaft, die Bildungspotentiale ihrer Arbeiter und kleinen Angestellten, also der Mehrheit der damaligen Gesellschaft, zu aktivieren. Zu einer Zeit, als Facharbeiterkarrieren immerhin noch über Haupt- und Realschule, Ausbildung und Meisterbrief verfolgt werden konnten. Damit ist es längst vorbei. Damals hatten die Oberrealschulen und Realgymnasien einen guten Ruf, und es war in den Flächenstaaten selbstverständlich, dass gute Schüler, denen die Gymnasialbildung nicht in die Wiege gelegt worden war, auch noch nach der 10. Klasse aufs Gymnasium wechselten und ihre Chance aufs Abitur wahrnahmen. In der Figur des Ingenieurs pflegte das Bürgertum eine Integrationsvorstellung von Bildungs- und Arbeitswelten, die aus ihm selbst und gleichermaßen aus der Arbeiterschaft stammten.Angesichts der vielfach verschlungenen Bildungswege und der immer stärker modular angelegten Anforderungsprofile in den Schlüsselberufen heute muss ein sich aufs Neue absonderndes Gymnasium absurd erscheinen. Schülerströme ziehen am Gymnasium vorbei über die Fachoberschulen und die Fachhochschulen in Berufe, die auch mit dem Abitur erreichbar sind. Nicht wenige von denen, die einen solchen Weg gehen, landen nach sechs Semestern Fachhochschule doch an der Universität. Auf der anderen Seite beträgt die Studienabbrecherquote in Kernfächern, die über das Gymnasium erreicht werden, 25 Prozent und mehr. Der Staat entfesselt im europäischen Wettbewerb eine gesellschaftsweite Kampagne für mehr Studenten, indem etwa weitere Seiteneinstiege ins Studium aus dem Beruf eröffnet werden. Welche Erfolge des Gymnasiums rechtfertigen seinen Artenschutz in dieser sich weiter ausdifferenzierenden Bildungslandschaft?Die Bundesländer gehen nacheinander von einem drei- zu einem zweigliedrigen Schulsystem über. Die SPD bringt den Mut nicht auf, in Deutschland eine Strukturreform in Gang zu setzen, die das Gymnasium umfasst. Da wirkt die alte Angst aus den siebziger Jahren nach, die Partei könnte Wähler aus der Mitte der Gesellschaft verprellen. Eingeklemmt zwischen selbstgeschaffenen Zielkonflikten, schlägt die Schulpolitik infolgedessen merkwürdigste Kapriolen. Werden Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu einer neuen Schulform zusammengefasst, die zum Gesamtziel, mehr Abiturienten zu produzieren, beitragen soll, so müssen dieser Schulform, wie es schon das Gesamtschulkonzept einst vorsah, in genügendem Maße gute Schüler zugeführt werden. Das geht aber, wie Berlin zur Zeit vorführt, nur, wenn die Gymnasien einen Teil ihrer Schüler abgeben und andererseits einen Beitrag zur Integration einer heterogenen Schülerschaft leisten. Zweiklassenschule und Integration – da sind nur faule Kompromisse möglich.Nebenbei dürfte nun der letzte merken, dass die noch vor Jahren von Gymnasialvertretern begrüßte Verkürzung der Schulzeit zur Schraubzwinge für nicht wenige Schulen wird. Nun heißt es süffisant, das Abitur in zwölf Jahren könnten sowieso nur die Besten schaffen. Die bildungsbeflissenen Eltern sind mittlerweile aufgewacht und bemerken, was sie schon vor fünf Jahren hätten wissen können: Werden die in der 11. Klasse verlorenen Stunden nach unten umverteilt, kommt fast jeden Tag eine Stunde dazu und Sohn oder Tochter kommen nach Cello- und Segelunterricht um 19 Uhr nach Hause, wenn Mutti schon wieder zum Yogakurs aufbricht. Interessierten sich diese Eltern noch für die laufenden Unterrichtsreformen, so stießen sie auf einen bemerkenswerten Widerspruch: Die methodischen Veränderungen zielen alle auf einen höheren Grad an Selbständigkeit der Lernenden ab, auf eigene Entwicklung von Interessen und Aufgaben – etwa in der Vorbereitung der Präsentationsprüfungen im Mittleren Schulabschluss wie beim Abitur –, auf Selbsttätigkeit statt Befolgung von Lehrervorschriften. Was derartiges Lernen braucht, ist Zeit. Keine Verdichtung der Schuljahre, keine Erhöhung des Leistungsdrucks.Nun sind Zweifel daran berechtigt, dass derlei Beobachtungen allzu tief in die bildungsnahen Schichten eindringen. Schließlich sind diese nach Lektüre von Ergebnissen der Hirnforschung oft besessen von der Idee, ihre Kinder hätten Chancen etwa des Sprachenerwerbs bereits versäumt und müssten sich mächtig ranhalten, um mit der sich selbst beschleunigenden Generation Schritt halten zu können. Es könnten sogar Zweifel daran aufkommen, dass die heute meinungsbildende Elterngeneration noch lebendige Beziehungen zur Gutenberggalaxis unterhält. Wir sprechen von der Generation, welche die Reduktion des Textanteils ihrer Tageszeitung in den vergangenen zehn Jahren um 20 bis 30 Prozent klaglos hingenommen hat. Wir sprechen von denjenigen, die ihre Kinder in der Woche durch fünf verschiedene Freizeitbeschäftigungen jagen, die oft verdeckte Schulfächer darstellen; von denjenigen, die nervös werden, wenn es nach dem Regionalwettbewerb „Jugend forscht“ und „-musiziert“ nicht weitergeht.Es ist das Bürgertum, das, anders als seine Elterngeneration, den Grundsatz multum, non multa – viel, nicht vielerlei solle man lernen – nicht mehr kennt und längst ins postmetaphysische Zeitalter eingetreten ist, in dem es keine Tiefen, sondern nur Oberflächen gibt. Bei ihm löst die Vorstellung eines Bildungserlebnisses, in dem man sich verlieren kann und als Anderer wieder herauskommt, also die Vorstellung von Brüchen und Veränderungen, die riskant sind und Zeit brauchen, einen horror vacui aus. Diesen Menschen erschließt sich ein Zusammenhang durch eine Abfolge von Folien oder auch nicht. Sie husten, völlig unerkältet, im Konzert, wenn es leise, langsam und kompliziert wird. Bildung betrachten sie als eine Dienstleistung wie eine Schönheitsoperation. Kommt beim Botoxen der Großhirnrinde durch die pädagogischen Operateure nicht das gewünschte Ergebnis heraus, muss über Regressforderungen nachgedacht werden.Wir bezweifeln nicht, dass dieses Bürgertum der Menschheit auf verschiedenen Gebieten einen enormen Kompetenzzuwachs beschert. Wir melden nur ernsthafte Zweifel daran an, dass es die Erbschaft jener Bildung hütet, die, wenn auch auf dem Rückzug, in den Abschlussprüfungen der allgemeinbildenden Schulen noch präsent ist. So ist die Bildungspolitik vielleicht nicht von allen Göttern, wohl aber von einem sie tragenden sozialen Milieu verlassen.In dieser Lage macht sich Deutschland daran, die Lebenslüge des Bildungssystems zuzuspitzen und ad absurdum zu führen. Das Bildungsbürgertum wird sich viel schärfer als bisher um die reduzierten Plätze am Gymnasium schlagen. Die Kinder werden sich unter höherem Zeit- und Leistungsdruck durch die engere Tür zum Heiligen Gral zwängen müssen. Zwangsläufig werden dabei mehr als heute scheitern und sich auf Umwege begeben müssen. Die neue Mittelschule wird sich, um die Gymnasialelite verkürzt, hauptsächlich um die unteren 20 Prozent des Leistungsspektrums kümmern müssen – und dafür mehr Ressourcen verbrauchen, als eine Regelgesamtschule mit ihren Synergieeffekten zwischen starken und schwachen Schülern benötigen würde. Das Bürgertum beschäftigt, wie eh und je, die Anderen mit den Katastrophen seiner Illusionen. Ob die erklärten Ziele, mehr und sogar bessere Absolventen des Mittleren Schulabschlusses und des Abiturs zu erzeugen, auf diesem Wege erreicht werden können, wird sich zeigen. Dass man von einer Bürgergesellschaft wird sprechen können, die sich in ihrer Schule wieder erkennt und umgekehrt, ist eher unwahrscheinlich.